DIE FASZINATION DER MEERE

Seit Jahrhunderten fühlen sich Künstler zu den Meeren hingezogen. Die Faszination der Landschaft, in der Wasser und Land aufeinander treffen, motiviert kreative Kunstschaffende immer wieder aufs neue. Hundert Jahre, bevor ich das Licht der Welt erblickte, begab sich Gustave Le Gray, Maler und Fotograf, (1820-1884) auf eine Reise in die Normandie. Hier entstanden im Jahre 1857 fotografische Seestücke, die man als die ersten dieser Art in der Geschichte der Fotografie bezeichnen kann.

Die Technik des Albuminverfahrens hatte mittlerweile die spiegelnden Daguerreotypien ersetzt. Man war somit in der Lage, reproduzierbare Papierfotografien herzustellen. Und so eroberte die noch junge Gattung Fotografie den öffentlichen Raum. Und Fotografen wie Le Gray experimentierten mit dem neuen Medium. Nicht zufällig entstanden zahlreiche seiner Landschaftsaufnahmen an den Küsten Frankreichs. Duch die kurzen Belichtungszeiten war es ihm möglich, die Wellen des Meeres in einer Momentaufnahme „einzufrieren“. Bislang hatte es es nur Fotografien mit geglättetem Wasser und verwischten Wolkenhimmeln gegeben. Le Gray schuf mit seinen Motiven geradezu wissenschaftliche Studien über die Wolkengebirge am Himmel. Die technische Schwierigkeit, den starken Helligkeitskontrast zwischen Himmel und Wasser auf einem Bild zu überbrücken, schafft er durch unterschiedlich lang belichtete Aufnahmen, die er später aus zumindest zwei Negativen zusammenfügte. So war er nicht nur vielen Fotografen, sondern auch den Photoshop-Artisten unserer Zeit weit voraus.

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St.-Gilles-Croix-de-Vie #1, 01.2017, © k.enderlein FOTOGRAFIE

Ob in hübschen Badeorten oder in der Nähe der Industrieanlagen, alle meernahen Bauten des Tourismus oder der Wirtschaft zeichnen sich vor der Weite des Meeres besonders deutlich ab. Boulevards zum Flanieren am Strand oder künstlich geschaffene Orientierungshilfen, wie Leuchttürme oder Baken, alles strandtypische Merkmale, wirken dennoch häufig deplaziert. Dort wo natürliche Urgewalt in Form endlos scheinender Wassermassen und Spuren menschlicher Zivilisation aufeinander treffen, entsteht eine ganz besondere Landschaft: eine Art Zwischenraum an der Nahtstelle von Wasser und Land.

Bei meinen SEESTUECKEN bewege ich mich mit der Kamera in diesem Zwischenraum. Ich möchte aber kein Mahner sein, der sozialkritisch den Zeigefinger hebt. Die Betonburgen und -pisten an den Badestränden dieser Welt sind nicht mein Kernthema.
Ich stelle der Bild teilenden Horizontalen immer wieder vertikale Formen entgegen, um so auf die Nähe der Menschen zum Wasser aufmerksam zu machen. Trotz menschenleerer Szenarien sind die Spuren, die Menschen an dieser Nahtstelle hinterlassen, in meinen fotografischen Inszenierungen vordergründig und unübersehbar.
Ich möchte behutsam auf die Tatsache aufmerksam machen, dass der Mensch seine Melancholie verliert, wenn er das Meer für seine Zwecke auf irgendeine Weise zu nutzen versucht. Bis in die zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts wurden die Küstenstreifen vom Geist einiger Künstler und der Menschen beseelt – heute vom Geld. Und die Menschen denken dabei an Seebäder mit Sportfreizeiten jeglicher Art, an Industrie-Häfen für den Welthandel, an Anlegeplätze für Kreuzfahrt-Riesen oder an unbezahlbare Grundstücke, auf denen die Superreichen ihre Häuser bauen. Wie schön kann es sein, einfach mal auf einem Strandspaziergang den salzigen Wind auf der Haut zu spüren. Und das trotz einer trüben Ahnung, dass die Strände, an denen wir heute leben, in nicht allzu langer Zukunft vom Meer wieder überspült sein werden.

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Wijk aan Zee #3, 04.2017, © k.enderlein FOTOGRAFIE

Ein Originalabzug des Seestücks „Grande vague – Cette [Sète], ca. 1857, 34,3 x 41,9 cm, von Gustave Le Gray ist noch bis zum 15. Juli 2018 im Museum Kunstpalast Düsseldorf anl. der Ausstellung BLACK&WHITE ausgestellt.  Museum Kunstpalast Düsseldorf

Eine Auswahl meiner SEESTUECKE finden Sie hier  WERKGRUPPE SEESTUECKE

Alle meine SEESTUECKE finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archives unter PhotoAlbum SEESTUECKE


 

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