Gelbe Kühe, blaue Pferde – Franc Marc (*1880 in München †1916 Braquis bei Verdun) dachte in lauten Farben und brachte diese auf seine Leinwände. Inspiriert durch die Arbeiten von van Gogh, Gaugin und Matisse prüfte er Komplementärkontraste und die Reinheit der Farben an einem Prisma. Auch Goethes Farbenlehre war ihm dabei hilfreich. In der Kunst war die Natur immer eine Reflexionsfläche, die sich auch Franz Marc zu eigen machte. In seinem Weltbild waren Tiere dem Menschen gleichberechtigt. Menschen empfand er als unattraktiv und kompliziert. Das Tier sah er als Symbol für Geistiges und Gefühle. Die Farbe Blau stand dabei für das Männliche, das Gelb für das Weibliche und das Rot für das Materielle und die Brutalität. Mit diesem Anspruch schuf Marc eine einzigartige Ästhetik, mit der er nachfolgende KünstlerInnen nachhaltig inspirierte.
Diese Ästhetik kann ich in der Ausstellung „Franz Marc. Die Suche nach einer besseren Welt“ erkunden. Die Tierdarstellungen des Künstlers, die ich aus meinen Lesebüchern der Schule wiedererkenne, wandeln sich gegen Ende seines Schaffens in kubistische Abstraktion, die sich als Expressionismus der Malerei versteht. Die Ausstellung im K20 in Düsseldorf zeichnet die Entwicklung Franz Marcs in einer chronologischen Hängung nach, die ich durchaus mehrfach durchrunden möchte. Mein folgender Bildbericht zeigt Details seiner Werke als Ausstellungsansichten, die auch den lauten und pastosen Farbauftrag deutlich machen.
Über 100 Werke der Bildhauerin Niki de Saint Phalle (1930-2002) präsentiert der Kunstpalast in Düsseldorf. In der Presseinformation des Museums wird das Ausstellungsprojekt mit dem Namen Dream Machine der Kuratorin Heike van den Valentyn umfänglich beschrieben: Mit mehr als 100 Werken präsentiert das Museum in zwölf thematischen Räumen die ganze Bandbreite von Niki de Saint Phalles Schaffen, das Malerei, Assemblage, Performance, Skulptur, Architektur, Film, Grafik, Design und Kunst im öffentlichen Raum umfasst. Die Ausstellung betrachtet ihr Werk auch im Verhältnis zu ihrem künstlerischen Umfeld: Zum einen präsentiert sie Kollaborationen, unter anderem mit Robert Rauschenberg, Jasper Johns, Jean Tinguely und dem Theaterregisseur Rainer von Diez. Zum anderen treten ihre Werke im Rundgang in Dialog mit zahlreichen Arbeiten ihrer Zeitgenossinnen wie Eva Aeppli, Dorothy Iannone, Yayoi Kusama oder Alina Szapocznikow und verorten ihr Schaffen im Kontext zentraler Positionen der feministischen Kunstgeschichte.
„Niki de Saint Phalle ist trotz ihrer fröhlichen, farbintensiven Bildsprache eine sehr genaue und kritische Beobachterin ihrer Zeit. Alltagskultur, politische Ereignisse und gesellschaftliche Strömungen tragen ihr Werk ganz wesentlich“, so Heike van den Valentyn, Kuratorin der Ausstellung. ,,Weibliche Selbstermächtigung und grundlegender Wandel der Geschlechterverhältnisse waren ihre großen Anliegen. Sie wollte freie Frauen zeigen. Nachdem sie das Schießen aufgegeben hatte, wurde Freude zu ihrer neuen Waffe.“
Felix Krämer, Generaldirektor des Kunstpalastes bescheibt die Ausstellung wie folgt: „Als eine der wenigen international sichtbaren Künstlerinnen ihrer Generation entwickelte Niki de Saint Phalle eine eigenständige Position in der Kunstgeschichte. DREAM MACHINE zeigt die außergewöhnliche Vielfalt ihres künstlerischen Schaffens und rückt ihre visionäre Vorstellung von Kunst als Raum für Selbstermächtigung, Gemeinschaft und sozialen Wandel in den Mittelpunkt – und lädt auch die Besucherinnen und Besucher zum aktiven Mitträumen ein.“
Noch bis zum 7. Februar ist die Ausstellung im Kunstpalast zu sehen. Weil sie in Düsseldorf somit überwintert, sind leider keine Exponate im Außenbereich zu finden. Die zum Teil papierartigen Plastiken wären dem schlechten Wetter und der Willkür möglicher frauenfeindlicher Vandalen schutzlos ausgesetzt.
Alle Fotos der Ausstellungsvorbesichtigung finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs, und umfängliche Informationen zur Ausstellung DREAM MACHINE hält die Zuhause-Seite des Kunstpalast bereit.
Frauen vor und hinter der Kamera – Ausstellung bis 15. November 2026 im Museum Goch
Ist die Autorin einer fotografischen Arbeit gleichzeitig Modell, Fotografin, Regisseurin, macht sie obendrein die Requisite, dann sprachen wir in der Vergangenheit von einer Selbstinszenierung, von einem Selbstporträt eben. Wenn wir heutzutage ein derartiges Fotomotiv benennen wollen, so reden wir im ultradigitalen Zeitalter von „self on stage“.
Meine rechnergestützte vermeintlich intelligente Textgenerierung bietet mir folgendes im Internet zu diesem Begriff an: Unter „self on stage“ (englisch für „Das Selbst auf der Bühne“) versteht man diekünstlerische Selbstinszenierung, bei der sich eine Person – meist eine Künstlerin oder Fotografin – bewusst selbst vor der Kamera in Szene setzt, während sie gleichzeitig die Kontrolle über das Konzept, die Regie und die Aufnahme hinter der Kamera behält. – Nach eingehender Prüfung (!) finde ich das durchaus überzeugend verständlich.
Auf den im Netz mittlerweile millionenfach kommunizierten Smartphone-Selfies sehe ich in dieser Rubrik allerdings zumeist nur künstlich grinsende Gesichter, deren Besitzer mich ganz offensichtlich von ihrer Schönheit zu überzeugen versuchen. Ich frage mich schnell, was können die sonst noch, was steckt dahinter. Ich muss lange scrollen, um wirklich spannende, anspruchsvolle und ernst gemeinte Selbstinszenierungen zu finden.
Freddy Langer hat das gemacht, er hat lange recherchiert. Er ist Jahrgang 1957, ein Journalist, ein Fotograf, ein Sammler, ein Kurator, im Team der F.A.Z. bis 2024 ein fester, danach ein freier Mitarbeiter, und somit ein ausgewiesener Fotografie-Experte. Er recherchierte im weltweiten Internet, vornehmlich auf Instagram, welche Fotografin wem folgt, und wer von wem gefolgt wird. Dabei stieß er auf umfängliches Bildmaterial für sein Projekt, über das er zum ersten Mal in einer geselligen Fotografenrunde laut nachgedacht und das mit den Freunden diskutiert hatte. Nach einem Zwischenspiel in einer Frankfurter Galerie im November 2023 mit siebzehn Exponaten kam das Projekt dann in diesem Jahr nach Goch. self on stage, so lautet auch der Name der beachtenswerten Ausstellung im Museum Goch, die noch bis zum 15. November in Goch am Niederrhein, kurz vor der Landesgrenze zu den Niederlanden, zu bestaunen ist. Hier sind jetzt 24 Künstlerinnen mit etwa 150 Werken zu sehen. Langers Projekt hat deutlich zugenommen.
Im Untertitel des Ausstellungsnamens lese ich „Eine Ausstellung über die Selbstinszenierung von Frauen in der zeitgenössischen Kunst“. Die Ausstellung vermittelt deutlich, was hinter dem Begriff „Selfstaging“ eigentlich steckt. Auf Instagram wird dieser Begriff heute eher locker verwendet – manchmal reicht schon ein bestimmtes Lächeln oder eine bewusst gewählte Pose für einen kurzen meist albernen Moment. In der Kunst bekommt die Inszenierung jedoch eine ganz andere Bedeutung und Tiefe. Mit großem Aufwand setzten Künstlerinnen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihren eigenen Körper als Ausdrucksmittel ein. Sie waren gleichzeitig Modell, Fotografin und Regisseurin und kümmerten sich oft selbst um Kostüme, Requisiten und Licht. Dadurch entstanden sehr persönliche und teilweise auch verstörende Bilder, in denen sie sich mit den Rollen auseinandersetzten, die ihnen von der Gesellschaft zugeschrieben wurden.
Beim Betrachten der Fotografien wird deutlich, wie stark Themen wie Schönheitsideale, die Erwartungen an Frauen und der Wunsch nach Selbstbestimmung miteinander verbunden sind. Die Künstlerinnen verschnürten, verhüllten oder verdrehten ihre Körper und machten dadurch sichtbar, wie einengend diese gesellschaftlichen Vorstellungen sein konnten. Manche Inszenierungen gingen dabei sogar bis an die Grenze der Selbstzerstörung – etwas, das beim Besuch besonders nachdenklich machen darf.
Künstlerinnen entwickelten in ganz unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen – von den USA bis zur DDR – ähnliche Bildideen. Das zeigt das vor allem, wie universell viele dieser Erfahrungen waren. Die teilweise radikalen und ungewöhnlichen Darstellungen wirken auf den ersten Blick vielleicht befremdlich, aber gerade dadurch bleiben sie im Gedächtnis und bringen einen dazu, über die eigene Wahrnehmung von Schönheit, Weiblichkeit und Selbstinszenierung nachzudenken.
24 internationale Künstlerinnen haben sich vom Kurator überzeugen lassen, ihre Werke in die Ausstellung zu schicken. Daraus wurde eine umfängliche und bemerkenswerte Fotografie-Schau. Lassen Sie sich obendrein von wirklich sehenswerten (Selbst-)Darstellungen der Protagonistinnen auf deren Zuhause-Seiten unterhalten, folgen Sie ruhig:
Habe ich lange nichts von alten Freunden gehört, schicke ich ihnen manchmal einen Brief als pdf-Datei. Darin beschreibe ich das, was mich die letzte Zeit am meisten berührt hat, was sonst so alles passiert ist, von meinen neuesten altersbedingten Zipperlein und vom Ableben gemeinsamer Bekannter. Obendrein fordere ich sie abschließend auf, mir ihre Stimmung zurückzumelden. Ein solcher Brief bekommt den tradierten Titel mit der Überschrift „Wasserstandsmeldungen aus dem Rheinland“. Das fiel mir ein, als ich jüngst am Rhein den ungewöhnlich niedrigen Wasserstand zu sehen bekam. So möchte ich hier mit zwei Bildmotiven den Wasserstand des Rheins (vom 22.08.2026, 14:00 Uhr, 29 cm, Tendenz steigend) mit Lesenden meines BLOGs teilen. Ohne viele Worte, lediglich mit dem Hinweis, dass mich das als geborener Niederrheiner, am Rhein lebender und arbeitender, als „Anrheiner“ sozusagen, tief bewegt hat.
„Poem“ von Imi Knoebel an der Wand im Literaturhaus Heinrich Heine in Düsseldorf
Andreas Gurskys großformatige Fotografie einer Seite aus Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ ist abgehängt, jetzt prangt ein nicht leserlicher Text von Imi Knoebel aus lasergeschnittenen Stahlbuchstaben an der Wand. Das Objekt lässt durch seine Abstraktion den Lesenden eigenen Freiraum für Phantasie und konstruktive Ideen. Der Ort ist weniger den altbierverzehrenden Altstadtbesuchern in Düsseldorf bekannt, als viel mehr Literaturinteressierten: der Veranstaltungs- und Präsentationsraum im Hinterstübchen des Heinrich Heine Literaturhauses in der Bolkerstraße 53. Seit genau zwanzig Jahren wird dieser Ort mit Begegnungen und Lesungen von Selinde Böhm und Rudolf Müller geführt und beseelt. Zum Jubiläum ist ab sofort die Leihgabe von Imi Knoebel öffentlich – ein Literaturhaus brächte den möglichen Kaufpreis heutzutage wohl kaum auf. Die 28 „Hieroglyphen“ aus Stahl nennt der Autor passenderweise „Poem“. Ich denke Heinrich Heine hätte es gefallen.
Rudolf Müller ohne Selinde BöhmRajiv Strauß, Stellvertr. Amtsleitung Kulturamt DüsseldorfRajiv Strauß (mit Mikro) dankt der Künstlerin Ursula Schulz-Dornburg (rechts vorne im Anschnitt) für die finanzielle Unterstützung des Projekts. Links und Rechts neben Strauß: v.l.n.r.: Jana-Catharina Israel, Stephan Machác und Kim-Camille Kreuz
Dialog und Fotografie – Ein Kunstprojekt mit Kindern und Jugendlichen geflüchteter Familien
Dialog und Fotografie ist ein Ausstellungs- und Workshopprojekt an der Schnittstelle von künstlerischer Praxis, visueller Bildung und sozialer Teilhabe. Im Zentrum stehen Kinder und Jugendliche aus geflüchteten Familien, die in einem dialogisch angelegten Prozess eigene Bildwelten entwickeln. Unter der Anleitung der Künstler*innen Berit Schneidereit, Franciis Frings, Jessica Tille und Thomas Koester erschlossen sich die Teilnehmenden in den Workshops ein breites Spektrum fotografischer Verfahren – über Cyanotypie und Dunkelkammerprozesse bis hin zu verschiedenen Bildpraktiken. So entstanden vielschichtige Arbeiten, die individuelle Perspektiven sichtbar machen und zugleich kollektive Erfahrungsräume eröffnen. Die Ausstellung im KIT führt die Entstehungsprozesse und Ergebnisse der Workshops zusammen und macht das Potenzial fotografischer Praxis als künstlerisches und dialogisches Medium erfahrbar. Ausgewählte Ergebnisse der Workshops wurden auf T-Shirts übertragen, die beim Opening von den Teilnehmenden in einer gemeinsamen Präsentation getragen wurden und während der Ausstellung im KIT erhältlich sind. Die Einnahmen aus dem Verkauf kommen dem IJS e.V. zugute.
Das Projekt entsteht in Kooperation mit dem IJS e.V., dem Kunstpalast Düsseldorf, dem KIT und dem Kulturamt. Initiiert wurde Dialog und Fotografie durch eine Spende der Künstlerin Ursula Schulz-Dornburg und wird von der Koordinierungsstelle Fotografie des Kulturamtes konzipiert und organisiert. (Pressetext des Kulturamts der Landeshauptstadt Düsseldorf)
Mit Armando Veselov I Tellinas Ali I Aisha Mokk I Aisha Mohamud I Juliette Achampong I Omar I Ibrahim Abdullahi I Mohamed Omar Mohamed I Mutaleb Mahmood I Goulbin Ali I Suhejli Gici I Azra Veselova I Esho Treasure Oshidero I Faithia Ilesanmi I Sahar Abdullahi I Yaran Bagizadeh I Miguel Daniel I Eliana Daniel I Persis Yeboah I Anosh Hassani I Hercules Abu Bakir I Karen I Adepoju I Prince Harry Eghosa I Jaqueline Owusu I Destiny Emoghene
Ein sehr schönes Projekt, was Beachtung finden sollte. Es regt einmal mehr zum Nachdenken an über die aktuellen Ereignisse, die die Welt momentan bestimmen. Deshalb möchte ich einen Besuch im kühlen, klimatisierten KIT an der Rheinuferpromenade nicht nur wegen der momentanen hoch-sommerlichen Temperaturen wärmstens empfehlen.
Ausstellungsansicht KITPoster und T-Shirts zum KaufUrsula Schulz-Dornburg (Mitte) lässt sich die Präsentation erläutern.
Alle Bilder der Ausstellungseröffnungen finden SIe in den SCHUBLADEN meines Archivs.
Weitere Informationen zu den Präsentationen sind auf den jeweiligen Zuhause-Seiten der Institutionen zu finden: HEINE HAUS Literaturhaus + KunstImTunnel
Ich gehe zur Ausstellungsvorbesichtigung ins Museum Folkwang nach Essen. Eine Retrospektive des Malers Gustave Coubert (1819–1877) wird dort noch bis zum 8. November 2026 präsentiert. 85 Gemälde und 14 Zeichnungen des Künstlers sind neben acht Fotografien von Zeitgenossen ausgestellt, obendrein Historische Druckgrafik, Postkarten und Briefe – in 10 Räumen auf 980 Quadratmetern. Das kuratorische Team Museum Folkwang mit Anna Brohm, Hans-Jürgen Lechtreck und Sonja Pizonka hat die Ausstellung in Essen zu verantworten.
Ich erfahre in der Pressekonferenz, die Hängung sei sportlich verlaufen. So musste für den Transport ins Museum das Großformat von 1861 Le Cerf à l’eau ou Le Cerf forcé (übersetzter Titel: Der Hirsch am Wasser oder Der getriebene Hirsch) aus dem Rahmen genommen werden, der Rahmen selber in vier Teile demontiert werden und das ganze Exponat in Essen unter der Aufsicht des Leihgebers, dem Direktor des Musée des Beaux-Arts Marseille, wieder zusammengesetzt werden. Obendrein war der Zeitraum der Hängung stark verkürzt, weil die Courbet-Ausstellung noch bis zum 21. Juni im Leopold Museum in Wien zu bestaunen war.
Respekt für das gesamte Team, die Präsentation ist sehr beeindruckend. In den dunkel gehaltenen Sälen des Museums wirken die fokussiert beleuchteten Werke in ihren sehr prunkvollen, breiten und stark verzierten Goldrahmen sehr exklusiv. Courbets materialbetonte, pastose Malweise, mit der er als Entwickler einer Bildsprache gilt, die den Weg in die Moderne wies, lässt sich im Licht der LED-Galerie-Beleuchtung durch harte Reflexe auf der aufgetragenen Ölfarbe optisch gut nachspüren. Nur berühren darf ich nicht.
Ich durfte bereits bei den Recherchen zu meinem aktuellen Fotoprojekt „LICHT UND FARBE in der Normandie“ lernen, dass Courbet nicht nur Mitte des19. Jahrhunderts an den gleichen Orten verkehrte und malte, an denen eine neue Kunstrichtung im Aufschwung war, die nach dem Titel eines Motivs seines Malerkollegen Claude Monet wenig später „Impressionismus“ genannt wurde. Er arbeitete auch im Stil der so genannten „plein-air-Malerei“ zahlreiche Seestücke in der Normandie, die sogar etwa fünfzehn Jahre vor der Sturm- und Drangzeit impressionistischer Malerei seiner Malerkollegen in und um Étretat zeitlich zu verorten ist.
Ab etwa 1855 setzte Courbet die Fotografie gezielt für seine eigene Außendarstellung ein. Fotografische Porträts halfen ihm dabei, sein öffentliches Bild zu prägen – seine „Maske“, wie er selbst dieses inszenierte Erscheinungsbild nannte. Auch von seinen Gemälden ließ er Fotografien anfertigen. Diese verschickte er an Freunde und Familienmitglieder oder verkaufte sie an Besucher seiner Ausstellungen. So nutzte er die Fotografie, um seine Werke und sich selbst einem größeren Publikum bekannt zu machen.
Courbet nutze für die technische Ausführung seiner „visuellen Kommunikation“ die Dienste des befreundeten Fotografen Félix Nadar. Félix Nadar gehörte zu den bekanntesten Fotografen seiner Zeit. Sein lichtdurchflutetes Atelier am Boulevard des Capucines war weit mehr als ein Ort für Porträtaufnahmen – es war ein Treffpunkt der Pariser Kunstszene. Als der staatliche Salon de Paris die Werke einer Gruppe junger Maler ablehnte, öffnete Nadar ihnen 1874 seine Atelierräume und schuf damit Raum für einen Neuanfang. Hier präsentierten Künstler wie Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir und ihre Weggefährten erstmals gemeinsam ihre Arbeiten.
Auch für Courbets Malerei spielte die Fotografie eine wichtige Rolle. Courbet besaß eine umfangreiche Sammlung von Fotografien, darunter Landschaftsaufnahmen, Aktstudien und auch pornografische Bilder. Sie dienten ihm als Anregung und erweiterten seinen Blick auf Motive und Bildgestaltung. Seine Zeitgenossen sahen diese Nähe zur Fotografie allerdings kritisch. Sie warfen ihm vor, seine Gemälde würden die Wirklichkeit lediglich wiedergeben, anstatt sie künstlerisch zu gestalten. Es fehle ihnen an Fantasie, einer durchdachten Komposition und einer tieferen Aussage.
Heute wird Courbets Verhältnis zur Fotografie differenzierter betrachtet. Zwar erinnern manche seiner Bilder in ihrem Bildausschnitt, ihrer Lichtführung oder der Inszenierung der Figuren an Fotografien des 19. Jahrhunderts. Das bedeutet jedoch nicht, dass er fotografische Vorlagen einfach übernahm. Vielmehr setzte er sich intensiv mit den neuen Bildmöglichkeiten der Fotografie auseinander und übertrug deren Anregungen auf seine eigene Malerei. Die Fotografie wurde für ihn nicht zum Ersatz, sondern zu einer wichtigen Quelle künstlerischer Inspiration.
Die Verbindung zwischen der Malerei und der Fotografie in der damaligen Zeit wird in der Ausstellung am Beispiel Courbets überzeugend nachgezeichnet. Inspiration für eine Brücke zwischen beiden Medien zur heutigen Zeit bietet die Präsentation im Museum Folkwang obendrein.
Detailinformationen über Gustave Coubet und zu der Ausstellung im Museum Folkwang findet man auf dessen Zuhause-Seite. Alle Bilder der Ausstellungsvorbesichtigung sind unter BEGEGNUNGEN in den SCHUBLADEN meines Online-Archivs zu sehen.
Die älteste und größte Verkaufsausstellung Deutschlands, die von KünstlerInnen organisert wird, findet in Düsseldorf im Kunstpalast und im NRW-Forum vom 5. Juli bis 9. August statt.
Vorab mal rasch alle 166 Teilnehmenden, die durch die siebenköpfige Fachjury aus 1.500 BewerberInnen ausgewählt wurden:
Bart Koning, Kunstpreisträger der Künstler 2026Max van Dorsten, Förderpreisträger 2026
An dieser Stelle erlaube ich mir aus Bequemlichkeitsgründen, die folgenden Informationen aus dem Ausstellungsflyer zu zitieren, nur die Fotografien in diesem BLOG-Bericht sind selbstgemacht:
DIE GROSSE Kunstausstellung NRW Düsseldorf ist die älteste und größte Verkaufsausstellung in Deutschland, die von KünstlerIinnen organisiert wird. Sie findet jedes Jahr im Sommer in Düsseldorf statt und gilt seit 1902 als aktuelles Spiegelbild der regionalen Kunstszene. Im Kunstpalast, im NRW-Forum und im Außenbereich des Ehrenhofs wird eine jurierte Auswahl von Werken aller Medien gezeigt, die direkt vor Ort gekauft werden können. DIE GROSSE schafft eine Bühne für zahlreiche Kunstschaffende der Region und verhilft ihnen zu einer besseren Sichtbarkeit.
BART KONING KUNSTPREIS DER KÜNSTLER 2026 – Dieses Jahr erhält der Krefelder Maler Bart Koning den Kunstpreis der Künstler. Stillleben, Tierbilder oder Landschaften: Die Gattungen und die Technik des gebürtigen Niederländers erinnern zunächst an die holländische Feinmalerei des Goldenen Zeitalters. Konings Blick auf seine Sujets, mit einer nüchternen Bildinszenierung und einem emotionalen Grundton, ist allerdings resolut modern – und eine Einladung zum differenzierten Hinsehen.
MAX VAN DORSTEN FÖRDERPREIS 2026 – Der Förderpreis geht 2026 an Max van Dorsten. Das fotografische Werk des jungen Künstlers ist von gespenstischen Nachtszenen in menschenleeren, suburbanen Räumen geprägt. Dabei wird in den Motiven weniger das Atmosphärische als das Malerische gesucht. Van Dorstens Behandlung der Farbwerte und Hell-Dunkel-Kontraste bringt seine Fotografie in die Nähe der malerischen Abstraktion.
KOOPERATIONEN – Wie jedes Jahr arbeitet DIE GROSSE mit diversen Bildungseinrichtungen an besonderen Projekten. 2026 finden vertiefte Kooperationen mit der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft (Prof. Frauke Dannert), mit dem Wim-Wenders-Gymnasium sowie mit der Grundschule Flurstraße statt.
Zum weiteren Anschlauen über DIE GROSSE empfehle ich vor dem Besuch im Museum einen Besuch auf der sehr schön gestalteten Zuhause-Seite der Veranstalter. Alle meine Bilder der Ausstellungsvorbesichtigung finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs.
In meinem Kalender habe ich das Ende einer Ausstellung markiert, die ich auf keinen Fall verpassen will: „MONETS KÜSTE – Die Entdeckung von Étretat“, bis zum 5. Juli 2026. Die letzte Möglichkeit, die Ausstellung zu besuchen, habe ich ein Wochenende vorher. Da möchte ich meinen Freund Thomas in Pfungstadt treffen. Also fahre ich auf dem Weg dorthin über Frankfurt. Die Meteorologen haben Rekordhitze für Hessen angekündigt. Ich lese, dass verschiede Museen in der Republik kostenfreien Eintritt anbieten, um auch den Seltennutzern von Kunstmuseen ihre klimatisierten Räume zur kurzfristigen Erholung anzubieten. Sicher auch eine Marketing-Aktion, um neue Zielgruppen zu generieren. Soll mir auch recht sein, auch ich genieße bei Außentemperaturen von über vierzig Grad jede Gelegenheit, Körper und Geist ein wenig runter zu kochen. Wenn auch bei ständigem Wechsel zwischen mit Klimaanlagen beseelten Räumlichkeiten und schattenlosen Großstadtpflastern eine laufende Nase droht. Allerdings ist im Städel Museum Frankfurt der Eintritt heute nicht kostenfrei: 19,00 Euro pro Besucher, inklusive der Liebieghaus Skulpturensammlung. Die werde ich aber wegen meines knappen Zeitfensters auslassen müssen. Also als Sommerfrischler rein zu den Impressionisten.
Seit Mitte letzten Jahres arbeite ich an meinem Fotoprojekt mit dem vorläufigen Arbeitstitel „LICHT UND FARBE in der Normandie – Ein Bildwerk im Spiegel der Impressionisten“. Und seit dieser Zeit versäume ich kaum Gelegenheiten, die Maler des 19. Jahrhunderts und ihre Arbeiten an der französischen Kanalküste zu studieren. Inspiration für meine Bildmotive und entsprechende Motivation hole ich mir neben zahllosen Publikationen eben auch in Ausstellungen zu diesem Thema. So war eine Bilderschau in Freiburg im letzten Jahr überhaupt die Initialzündung für die Idee meiner aktuellen Werkgruppe. Diese frischen, leuchtenden und farbigen Motive in Öl spornen mich an, die Kamera zu nehmen und unter ähnlichen Lichtverhältnissen Bildmotive fotografisch nachzuzeichnen. Meine Arbeitsreisen führten mich bereits nach Le Tréport, Mers-les-Bains, Dieppe, Rouen, Le Havre, Sainte-Adresse, Étretat, Fécamp und Honfleur und alles, was dazwischen liegt. Immer auf den Spuren von Monet, Manet, Boudin, Renoir, Pissarro, Bonnard, Millet, Sisley, Courbet, Turner, Morisot und Co.
Weil ich den Ausstellungskatalog der Frankfurter Ausstellung schon im Winter besorgt habe, ist er bereits durchgearbeitet, und ich habe mich umfänglich angeschlaut. So freue ich mich jetzt auf die Originalmotive der fokussiert beleuchteten Gemälde an den Wänden des Museums. Für meine fotografische Dokumentation suche ich Details in den Ölgemälden, an denen die verwischte, dick aufgetragene Farbe kleine Reflexpunkte produziert: Licht und Farbe, für mich in diesem Zusammenhang ein Brückenschlag zwischen der Malerei der Impressionisten und meiner Fotografie.
Die Kleidung der Museumsbesucher lässt keine Zweifel an den Temperaturen, die außerhalb der Galerieräume herrschen. Da denke ich an die so genannten Sommerfrischler, die Mitte des 19. Jahrhunderts hordenweise in die Normandie aufbrachen, um sich vom Pariser Hitzestau temporär zu erholen. Eine großformatige Schwarz-Weiß-Fotowand zeichnet dieses Thema sehr schön nach, wenn auch die wohlhabenden Reisenden damaliger Zeit mehr Stoff am Körper trugen.
Eine bemerkenswerte Duplizität der Ereignisse erfuhr ich abends in meinem Quartier in Pfungstadt 40 Kilometer weiter südlich: Monets an den Wänden meines Hotelzimmers, und die Farben der Normandie im lichtdurchscheinenden Vorhang. Weitere Inspiration reichlich. Ich freue mich auf die nächste Reise in die Normandie.
Auch wenn die Ausstellung in Frankfrurt dem Ende zugeht, lohnt sich ein Besuch auf der Zuhause-Seite des Städel. Alle Bilder meines sommerlichen Besuchs finden Sie in den Schubladen meines Archivs.
Ich habe eine Einladung zur Ausstellungseröffnung eines alten Bekannten und Kollegen nach Dortmund. Die Stadt Dortmund – Kulturbetriebe realisiert in Kooperation mit DORTMUND KREATIV regelmäßig Kunst- und Kulturveranstaltungen an temporären Orten im Osten des Reviers mit Namen „KOMMEN BLEIBEN GEHEN“. Autor der präsentierten Fotoarbeiten „TRANSFORMATION“ ist Nils Witt, Fotograf und Kameramann. Ich kenne ihn seit seinem Praktikum in der Fotoabteilung des thyssenkrupp Unternehmens Anfang der 2000er Jahre. Wir sind über unsere Projektarbeiten immer wieder in Kontakt geblieben. Dieses Mal treffe ich ihn in der Hansastraße in Dortmund, unmittelbar neben der städtischen Volkshochschule, eine der größten kommunalen Weiterbildungsdienstleister im Ruhrgebiet. Ich treffe auf vertrautes Terrain, das Gebäude beherbergte in den achtziger Jahren die Zentrale eines Handelsunternehmens der thyssenkrupp AG.
Nils Witt fotografiert Strukturdetails von zumeist metallernen Oberflächen. Seine Motive findet er zwischen Duisburg und Hattingen in stillgelegten Betrieben der Schwer- und Metallindustrie. Nach Farbgleichheit und streng nach Farbgruppenzugehörigkeit komponiert er jeweils drei Motive zu einem Triptychon und lässt dieses auf weiß grundierte Aluminium-Verbundplatten drucken. Seine Fotomotive ähneln manchmal den hochauflösenden Satelliten- oder Drohnenaufnahmen von Regenwäldern und salinenartigen Abbaugebieten in Südamerika. Erst bei näherem Hinsehen erkenne ich die rost- oder moosüberlagerten Metallflächen. Die Farben decken in verschiedenen Kombinationen fast die gesamte sichtbare Farbpalette ab. Es fällt schwer die Fotografien von grafisch rechnergestützt erstellten oder gemalten Motiven zu unterscheiden. Die Verwechselbarkeit scheint aber offensichtlich gewollt. In jeden Fall fange ich an, über Wandel im Leben, Vergänglichkeit und jedwede Veränderung nachzudenken.
Es war eine kurzweilige und abwechslungsreiche Begegnung in Dortmund. Nils und ich werden uns weiterhin auf dem Laufenden halten. Ich bin schon jetzt auf seine weiteren Projekte gespannt.
Informationen zum weiteren Anschlauen gibt es bei Nils Witt und beim Kulturbetrieb der Stadt Dortmund.
Alle Motive der Ausstellungseröffnung findet man hier.
Nach langem Zaudern möchte ich heute und an dieser Stelle, inspiriert durch den Text einer Werbeanzeige bei meiner morgendlichen Informationslektüre, einen Aspekt meines Standpunkts zum Thema Künstliche Intelligenz verbreiten, in der heutigen Zeit auch teilen oder posten genannt. Da ich kein Ambassador einer der zitierten Unternehmen bin, und schon lange nicht für redaktionell getarnte Werbebotschaften eine monetäre Vergütung erhalte – also auch nicht Influenzender bin – erlaube ich mir, die Marken der Unternehmen nicht zu benennen. Es handelt sich bei dem zitierten Produkt um das Smartphone eines chinesischen Technologie-Konzerns in Kooperation mit einem Kameravertreiber aus Wetzlar, so viel sei verraten. Weil das zitierte Thema in mein Genre der Fotografie hautnah eintaucht, möchte ich meinen LeserInnen das keinesfalls vorenthalten.
Vorab möchte ich darauf verweisen, dass ich das Kürzel KI und ebenso den Begriff künstliche Intelligenz für unrichtig halte, wenn wir über das große Thema „Menschliche Intelligenzleistungen wie Lernen, Problemlösen und Entscheidungsfindung durch rechnergesteuerte IT nachahmen“ sprechen. Seriöse Wissenschaftler haben mich gelehrt, dass der Begriff Intelligenz ausschließlich der Fähigkeit eines menschlichen Gehirns zugewiesen werden sollte, um grundlegenden Missverständnissen vorzubeugen.
Ich möchte aber die Entwicklung der sog. KI keinesfalls verteufeln, im Gegenteil, jeder sollte sie ausprobieren und gegebenenfalls nutzen, aber bitte mit Sinn und Verstand (dem eigenen!) und auf jeden Fall ihre Vorschläge als solche wörtlich nehmen und überprüfen. Dann wird im Alltag durchaus ein wirklich hilfreiches ergänzendes Werkzeug daraus, eigenes Arbeiten zu optimieren.
Soviel grundsätzlich kurz vorab zu meiner persönlichen Einstellung zu diesem viel beachteten und vielfach diskutiertem Phänomen jüngster Entwicklung im IT-Sektor.
Perfektion ist in unserem digitalen Alltag zum Standard geworden, auch in der Fotografie. Doch je ausgefeilter die Technik, desto mehr sehnen wir uns nach authentischen Bildern. Der Handy-Herstellet [XXX] hat den Trend erkannt. Sein [XXX XX] mit [XXX] Technik garantiert echte Momente.
Es ist kurz nach Mitternacht, die kleine Party hat sich längst in die Küche verlagert. Die Gespräche sind von den großen Themen in die Anekdoten abgebogen – „Weißt du noch, wie Ben auf dem Weg zur Prüfung im Lift stecken geblieben ist?“. Lachen, noch ein Glas Wein. Irgendwo zwischen Freude und Vertrautheit entsteht dieser schwer greifbare Moment, den man später Erinnerung nennt. Nichts daran ist inszeniert. Das Licht ist schwach, die Schatten sind weich, die Gesichter nicht perfekt ausgeleuchtet. Und genau deshalb ist er echt. Solche Augenblicke sind es, die im Zentrum einer Entwicklung stehen, die man als leise Gegenbewegung zur Ära der Künstlichen Intelligenz lesen kann. Während Bilder heute per KI aufgepimpt werden und Perfektion zum technischen Standard geworden ist, wächst zugleich eine neue Sehnsucht: nach Wirklichkeit.
Der Hersteller [XXX] wollte es genauer wissen und hat zu diesem Thema eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Titel: „Real Moments“. Die Studie beleuchtet den Stimmungswandel mit bemerkenswerter Klarheit. 78 Prozent der Befragten sagen, dass Echtheit in einer digitalen Welt immer wichtiger wird, 79 Prozent legen Wert darauf, dass Bilder authentisch wirken. Gleichzeitig empfinden 69 Prozent die permanente Perfektion digitaler Medien als anstrengend. Es ist ein paradoxes Verhältnis: Die Möglichkeiten der Optimierung werden genutzt – und zugleich zunehmend hinterfragt.
Tatsächlich hat sich die visuelle Welt radikal verdichtet. 85 Prozent der Deutschen konsumieren täglich Bilder, mehr als die Hälfte sogar mehrmals am Tag. Kl-generierte Inhalte sind dabei kein Randphänomen mehr, sondern fester Bestandteil des Alltags. 57 Prozent begegnen ihnen täglich. Und 83 Prozent geben an, dass es schwieriger geworden ist zu erkennen, ob ein Bild echt ist.
Doch je größer die Unsicherheit, desto stärker wird der Wunsch nach Verlässlichkeit. Echtheit wird zu einer kulturellen Währung. 84 Prozent der Befragten finden reale Erlebnisse bedeutungsvoller als digitale, die meisten wünschen sich weniger bearbeitete Bilder in sozialen Netzwerken. Besonders aufschlussreich ist dabei ein Detail: 72 Prozent sagen, dass sie beim Fotografieren den Moment nicht optimieren wollen. Sondern bewahren. Hier verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Fotografie war lange ein Versprechen auf Perfektionierung: mehr Licht, mehr Schärfe, mehr Brillanz. Heute wird sie wieder zu dem, was sie ursprünglich war: ein Mittel der Erinnerung. Über 90 Prozent der Befragten sagen, ein gutes Foto bringe sie zurück in den Moment. Es geht weniger um das Bild als um das, was es·auslöst.
Interessant ist, dass gerade die Nacht in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung erhält. 43 Prozent erleben Bilder am Abend intensiver, Nachtaufnahmen werden mit Freiheit, Ehrlichkeit, Spannung und Intimität verbunden. Dunkelheit ist hier kein Mangel, sondern Atmosphäre. Sie ist das Gegenteil der grellen Dauerpräsenz sozialer Medien – und vielleicht gerade deshalb so attraktiv.
Die Frage, die sich daraus ergibt, ist ebenso einfach wie folgenreich: Soll ein Foto die Wirklichkeit verbessern – oder sie bewahren?
Technologisch ist beides möglich. Doch die kulturelle Präferenz verschiebt sich. 84 Prozent der Befragten finden, ein Foto solle die echte Lichtstimmung zeigen, auch wenn sie dunkler ist. Ein spannender Befund: In einer Welt, in der Helligkeit jederzeit künstlich erzeugt werden kann, gewinnt die Akzeptanz von Dunkelheit an Wert.
Genau an dieser Schnittstelle von Technologie und Bedeutung positionieren sich neue Gerätegenerationen. Das [XXX] etwa wird nicht nur als leistungsstarkes Smartphone verstanden, sondern als Werkzeug für das, was man „Real Moments“ nennen könnte. Seine Kameratechnologie – entwickelt in Partnerschaft mit [XXX] – zielt nicht primär auf Überhöhung, sondern auf Präzision: auf das Einfangen von Licht, wie es ist. Der große 1-Zoll-Sensor, die aufwendige Linsenbeschichtung, die Reduktion optischer Störungen – all das dient letztlich einer einzigen Idee: dass Bilder nicht glatter, sondern glaubwürdiger werden. Dass Details auch im Dunkeln sichtbar bleiben, ohne die Szene zu verfälschen. Dass die Nacht ihre Magie entfalten kann: als Raum für Nuancen. Aus dieser Perspektive wird Technik nicht zum Gegenpol von Echtheit, sondern zu ihrer Voraussetzung. Denn das Festhalten eines echten Moments ist anspruchsvoller, als ihn zu inszenieren. Es verlangt Geräte, die mit wenig Licht umgehen können, die Dynamik aushalten, die nicht glätten, wo Struktur ist.
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche kulturelle Wandel: nicht die Abkehr von Technologie, sondern ihre Neubewertung. Innovation wird nicht mehr nur daran gemessen, wie viel sie verbessert, sondern daran, wie gut sie wertvolle Erinnerungen bewahrt. Wenn Bilder überall zur Verfügung stehen, ist entscheidend, welches davon nicht künstlich erzeugt wurde, sondern ein echtes Erlebnis dokumentiert. Und wenn Perfektion jederzeit verfügbar ist, wird Unvollkommenheit zum Zeichen von Wahrheit.
So gesehen ist der Moment in der Küche, kurz nach Mitternacht, nicht nur eine beiläufige Szene. Er ist ein Gegenentwurf. Und in einer scheinbar perfekten, aber auch kälteren Welt tatsächlich ein Luxus.
Wenn auch für ein Markenprodukt werbend, wie passend. Es lebe die Fotografie, so wie ich sie in meinem Fotografenleben immer verstanden habe. Hierzu meine im Sommer letzten Jahres kommunizierte Einstellung zum Thema Fotografie im Allgemeinen und zu meiner Arbeit im Besonderen:
Fotografie beschränkt sich für mich nicht aufs Bilder machen. Fotografie ist ein höchst komplexer Schaffensprozess. Dieser geradezu intellektuelle Prozess beginnt mit einem Impuls, der zunächst eine Fotografie in meinem Kopf entstehen lässt. Anschließend entwickle ich ein Thema, eine Botschaft oder eine Meinung, die vermittelt werden soll. Ich überlege, welche Formalismen für die Visualisierung nötig sind: Ort, Jahres- und Tageszeit, Perspektive, Licht, Kamera, Format und eine Reihe von Kompositionsprinzipien. Danach ist eine Vielzahl von Schritten erforderlich, um meine Bildsprache lesbar zu machen. Am Ende entwickeln sich Abbilder subjektiver Wirklichkeit: meine Fotografien, Zeugnisse meines Fotografenlebens.
Mein nächster BLOG-Beitrag wird in jedem Fall weniger textintensiv sein, versprochen. Dort geht es dann voraussichtlich um mein aktuelles Fotografie-Projekt „LICHT UND FARBE – Auf den Spuren der Impressionisten in der Normandie“ (=Arbeitstitel!).
Großartige visuelle Impulse nicht nur für Kreative und Bildende, sondern für alle Denkenden. Ich möchte versuchen zu beschreiben, warum mich die aktuelle Ausstellung im Düsseldorfer K20 mit den Werken der US-amerikanischen Künstlerin Anne Truitt (1921-2004) so beeindruckt hat:
Wenn auch etwa 120 Werke der Künstlerin präsentiert werden, in den großen weißen Sälen des Museums verlieren sie sich dennoch ein wenig. Das schafft mir aber Raum, bietet Abstand zu den teilweise grellfarbenen Objekten und fördert obendrein mein eigenes Denken. Ich kann die Räume durchschreiten und erfahre Zeit beim Bewegen zwischen einzelnen Impulsen, muss nicht das Museum einem Ausstellungskatalog ähnlich hektisch durchstöbern. So tritt ein faszinierender Effekt ein: Die Exponate der in den USA längst als Wegbereiterin der Minimal Art geltenden Künstlerin lassen mir beim Betrachten ausreichend Freiraum für eigenes Interpretieren und eigene Fantasien.
Lautstarke monochrome Stelen dürftig im großen weißen Saal gestellt – Weiß-auf-Weiß-Malerei an den Wänden eines weißen Saals sparsam verteilt – farbig leuchtende Arbeiten auf weißem Papier in weißen Rahmen auf weißer Wand, das alles fokussiert meine Konzentration auf ein wenig Form und Farbe. Dieser Minimalismus erfährt meine höchste Aufmerksamkeit und lässt mich sinnen über allgemeingesellschaftliches Handeln in jeder Beziehung, das Essen, das Trinken, das Arbeiten, das Reisen, das Treffen und Begegnen, alles in allem auch verbunden mit unserem menschlichen Bedürfnis nach Konsum jeglicher Art. Wie wäre es, mal etwas wegzulassen, zu minimieren subjektiv auf das wirklich Sinnhafte? In der Ausstellung finde ich Impulse für ein solches Denken. Anne Truitt hilft mir beim Betrachten ihrer Werke, dass wenig sehr viel beuten kann, und so erinnere ich mich an die oft schon geistlose Floskel weniger ist mehr und finde auf einmal, wie richtig sie klingt. Das triggert mich auf angenehmste Weise, und ich kann gedankenversunken noch mehrere Runden durch die Ausstellungsräume drehen.
Wenn die Tochter der Künstlerin Alexandra Truitt über ihre Mutter sagt, sie sei streng, sehr streng gewesen, und hoch konzentriert bei ihrer Arbeit, verstehe ich, dass diese linearen, stringenten, linienorientierten Objekte in der Ausstellung ausgerechnet von einer so beschriebenen Künstlerin stammen. In Perfektion und Strenge gearbeitet, dabei klar und eindeutig, so wirken auf mich alle einzelnen Exponate.
Die Kuratorin dieser umfassenden Retrospektive mit Werken aus 50 Jahren Vivien Trommer (*1986 in Berlin), urteilt als ausgewiesene Truitt-Expertin zu Recht, wie ich finde: „Truitt holte die Bilder von den Wänden, platzierte sie im Raum. Ihr gebührt ein Platz in der Kunstgeschichte.“
Alle Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung vom 26.03.2026 finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs genau hier.
Weitere umfassende Informationen zur Ausstellung und über den handlichen trotzdem umfänglichen Katalog finden Sie auf der Zuhause-Seite des Museums.
11. Dezember 1995: Selfie, damals noch Selbstporträt genannt, in meinem Studio in Wesel.
Wenn auch das Kleinbildnegativ mit diesem Motiv unter der Negativnummer KC 1597_23A jahrzehntelang in meinen Schubladen schlummerte, so war sicher damals meine Intention, etwas „teilen“ zu wollen. Ich wollte bestimmt mit diesem Foto mitteilen, ich bin ein Fotograf, und ich habe ein Studio. Heute möchte ich das Teilen nachholen. Das Studio in Wesel habe ich allerdings nicht mehr. Fotograf bin ich immer noch.
Die nächste CONTEMPORARY ART RUHR im Welterbe Zollverein in Essen findet vom 16. bis 18. Oktober 2026 statt.
Mein Bildbericht zum Aufbau der C.A.R. im März 2026
20 Jahre C.A.R.!
Kunst. Neu. Visionär: Für ein Kunst-Wochenende, 20. bis 22. März, präsentierte die PHOTO/MEDIA ART FAIR der Kunstmesse contemporary art ruhr (C.A.R.) über 300 Werke von 150 Aussteller*innen in drei Hallen UNESCO-Welterbe Zollverein. Besonders spektakulär: das im letzten Jahr gestartete Format NEW SPACES mit riesigen Installationen und Videoarbeiten, seit 2009 wieder in den Räumen der Mischanlage, bei dieser Ausgabe erstmalig auf drei Ebenen: Foyer, Trichter- und Bunkerebene. Der C.A.R. Shuttle-Service sowie das deinKult Cafè, Partner der C.A.R. mit mehreren Gastronomie-Stationen und Biergarten, laden zum Verweilen ein. Am Freitag, ab 19 Uhr zur Opening Night, eröffnete der Oberbürgermeister der Stadt Essen, Thomas Kufen, als Schirmherr die Veranstaltung, sowie Christoph Tesche, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein, die C.A.R. mit einem Grußwort. Das Spektrum dieses Frühjahr reichte vom Schwerpunkt Fotografie, über Installation, Videokunst, Skulptur, Mixed Media, Street Art, VR- und KI-Kunst, Klang -und Lichtkunst, bis hin zu Holographie – mit Galerien für zeitgenössische Kunst, innovativen Kunst-Projekten & Institutionen, Specials und Sonderausstellungen.
Veranstaltungstermine Termine contemporary art ruhr (C.A.R.)
2026
20. bis 22. März, PHOTO/MEDIA ART FAIR
16. bis 18. Oktober, INNOVATIVE ART FAIR
2027
19. bis 22. März, PHOTO/MEDIA ART FAIR
22. bis 24. Oktober, INNOVATIVE ART FAIR
Weitere Informationen zur Kunstmesse in Essen finden Sie auf der Zuhause-Seite der C.A.R.: http://contemporaryartruhr.de/
Der Kunstpalast in Düsseldorf zeigt erstmals die bedeutenste deutsche Privatsammlung des französichen Impressionismus und Post-Impressionismus der Öffentlichkeit: The Scharf Collection
René Scharf: „Es war uns – wie auch den Generationen vor uns – immer wichtig, die einzelnen Werke der Sammlung für Museumsausstellungen zur Verfügung zu stellen, um sie mit möglichst vielen Menschen zu teilen. Dennoch ist es für meine Frau und mich eine neue Erfahrung, nun mit der gesamten Sammlung unter unserem Namen in die Öffentlichkeit zu gehen“, so der Sammler. „Dass die Ausstellung auch in meine Geburtsstadt Düsseldorf kommt und einige meiner persönlichen Favoriten – wie Edgar Degas’ experimentelle Monotypien – hier sogar exklusiv gezeigt werden, freut mich sehr.“
René Scharf, der von 1984 bis 2003 zunächst für Christie’s und das Museum of Modern Art arbeitete und dann als Kunsthändler in New York tätig war, erweiterte den Kern der Sammlung um Werke der klassischen Moderne und des Abstrakten Expressionismus wie von Sam Francis. Heute richten René und seine Frau, die Rechts – und Fachanwältin für Urheber- und Medienrecht Christiane Scharf, ihren Blick auch auf die zeitgenössische Kunst und führen damit die familiäre Sammlungstradition in die Gegenwart fort. Zu den neueren Erwerbungen gehören internationale Positionen wie Robert Longo und Sean Scully, aber auch Künstler*innen der aufstrebenden Berliner Kunstszene, die das Sammlerehepaar früh gemeinsam für sich entdeckte. Sie verdeutlichen die Vielfalt der zeitgenössischen Malerei im Umgang mit Farbe und Form – von Jonas Burgerts surrealer Figuration über Martin Eders provokante Pop-Ästhetik bis zu Katharina Grosses monumentalen Abstraktionen.
Generaldirektor Felix Krämer: „Wir freuen uns sehr, die Scharf Collection erstmals in großem Umfang zu zeigen. Die gemeinsam mit der Alten Nationalgalerie in Berlin konzipierte Ausstellung , die dort ein großer Publikumserfolg war und von 170.000 Menschen besucht wurde, wird in Düsseldorf um über 60 Werke ergänzt . Darunter sind Arbeiten von Edgar Degas und Henri Matisse sowie japanische Farbholzschnitte aus dem 19. Jahrhundert. Unser herzlicher Dank gilt der Familie Scharf für ihr Vertrauen und die Bereitschaft, diesen Schritt mit uns zu gehen .“
Kuratorin Kathrin DuBois: „Dass eine Privatsammlung über vier Generationen mit so großer Leidenschaft für die Kunst aufgebaut wird, ist bemerkenswert. Aus dem vielfältigen Bestand konnten wir eine Präsentation entwickeln, die sowohl hochkarätige Werke weltbekannter Künstler*innen zeigt als auch Raum für Neuentdeckungen lässt.“
Text und Interview-Zitate: Kunstpalst Düsseldorf, Presse
Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie auf der Zuhause-Seite des Kunstpalastes.
Alle Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs.
Ich teile an dieser Stelle gerne den Text der Pressestelle des Ruhr Museums, der mir zugänglich wurde bei der Vorabpräsentation für MedienvertreterInnen am 20. Februar 2026:
Besucherinnen und Besucher des Ruhr Museums in Essen entwerfen interaktiv jede Woche eine eigene Ausstellung. Der Berliner Künstler Jörg Sasse (geb. 1962) stellt dem Ruhr Museum für die Dauer von zwei Jahren sein Kunstwerk SPEICHER Il zur Verfügung. Ab sofort ist die Arbeit auf der 17-Meter-Ebene der Dauerausstellung auf dem UNESCO- Welterbe Zollverein zu sehen. Sasse, der von 2003 bis 2007 eine Professur für Dokumentarfotografie an der Folkwang Universität der Künste innehatte, bringt mit SPEICHER Il ein Werk ins Ruhr Museum, das Fotografie, Archiv und Skulptur auf besondere Weise verbindet. Der SPEICHER Il ist nicht nur ein Ausstellungsobjekt, sondern ein Kunstwerk, das durch die aktive Beteiligung der Besucherinnen und Besucher lebendig wird.
Die Dauerausstellung des Ruhr Museums zeigt auf der 17-Meter-Ebene zeitgenössische Phänomene vor allem in Fotografien. Der SPEICHER Il tritt mit dieser Präsentation in einen offenen Dialog und erweitert sie um eine interaktive Dimension. Der SPEICHER Il ist ein mobiles Depot (Maße 190 x 150 x 90 cm), das von allen vier Seiten zugänglich ist. Dem Prinzip einer digitalen Bilddatenbank folgend ist er quasi ein dreidimensionales, begehbares Fotoarchiv. In ihm sind 512 gerahmte Fotografien aus dem Ruhrgebiet der 1950er- bis 2009er-Jahre untergebracht, welche mithilfe von 56 Kategorien, wie zum Beispiel Alltag, Arbeitsplätze, Bewohner, Innen und Außen, Rituale, Winter, Wohnhäuser oder Zuhause, von den Besucherinnen und Besuchern ausgewählt und kombiniert werden können. Die Fotografien stammen teils aus anonymen Quellen oder fotografischen Nachlässen aus dem Ruhrgebiet, teils [zu fünfzig Prozent] vom Künstler selbst. Aus ursprünglich rund 2.000 Bildern wurde eine Auswahl getroffen und anschließend so bearbeitet, dass sie in ihrer visuellen Erscheinung zusammenwirken.
Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, das Werk nicht nur zu betrachten, sondern aktiv zu nutzen. Ab sofort spricht das Ruhr Museum jeden Donnerstag um 15.30 Uhr eine „Einladung zum Bilderhängen“ aus. Gemeinsam mit einer Gästeführerin oder einem Gästeführer wählen Besucherinnen und Besucher Fotografien aus dem SPEICHER Il aus. Die ausgewählten Bilder werden aus dem Archiv entnommen, neu kombiniert und zu einer eigenen Präsentation zusammengestellt. Anschließend finden sie ihren Platz an der Wand neben dem SPEICHER II. So entstehen immer wieder überraschende Bilddialoge, neue Perspektiven und unerwartete Zusammenhänge – eine Ausstellung im ständigen Wandel, die sich jede Woche verändert. Kuratiert nicht vom Museum, sondern von den Gästen selbst: gemeinsam, persönlich und immer wieder anders.
Museumsdirektor Prof. Heinrich Theodor Grütter: „Der SPEICHER Il ist für mich ein Bildspeicher der kollektiven Erinnerung des Ruhrgebiets – ein Archiv aus vertrauten Szenen, anonymen Momenten und persönlichen Spuren. Dass dieses Werk nun im Ruhr Museum auf Zollverein steht, an einem Ort, der selbst Teil dieser Geschichte ist, verleiht ihm eine besondere Bedeutung: Hier können Besucherinnen und Besucher ihre eigenen Erinnerungen und Assoziationen aktiv mit den Bildern verbinden und ein Bild des Ruhrgebiets immer wieder neu zusammensetzen.
Jörg Sasse, Künstler: Im SPEICHER Il geht es nicht um eine festgelegte Ausstellung, sondern um Möglichkeiten. Die Bilder lassen sich immer wieder neu auswählen und Kombinieren. Dadurch entstehen neue Blickwinkel auf das Ruhrgebiet, die die eigenen Erfahrungen berühren. Das Werk bleibt in Bewegung, weil jede Entscheidung der Besucherinnen und Besucher eine neue Geschichte sichtbar machen kann.“
Stefanie Grebe, Leiterin der Fotografischen Sammlung des Ruhr Museums: „Der SPEICHER Il ergänzt unsere fotografische Präsentation auf der 17-Meter- Ebene auf besondere Weise: Er ermöglicht sichtbar zu machen, wie vielfältig und wandelbar fotografische Bildkombinationen sind. Dass die Besucherinnen und Besucher – nach der Vorstrukturierung durch den Künstler – selbst auswählen können, eröffnet neue Zugänge – und macht die Wirkung von Fotografien unmittelbar erfahrbar.“
Weitere Informationen zu dem Ausstellungsprojekt erfahren Sie auf der Zuhause-Seite des Museums.
Alle meine Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs.
Im Bois de Boulogne in Paris in einem wirklich heißen Sommer im Juli 1980:
Obwohl ich selbst auch noch lange nichts über die revolutionäre Entwicklung der mobilen Telekommunikation wusste, weder InterNet geschweige denn Tablets kannte, empfand ich damals die Begegnung mit dem lesenden Büroangestellten im Park äußerst außergewöhnlich. Häufig bekam man eine solche Szene schon in den Achtzigerjahren nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen. Erst zwanzig Jahre später wurde mir bewusst – und da erinnerte ich mich an meine Fotografie aus dem Sommer 1980 – welche Bedeutung ein solches Motiv haben konnte: Betriebsärzte und Arbeitsergonomen rieten Arbeitenden, besonders vermeintlich überlasteten, sich vor Stress und drohendem Burnout (ja, zur Zeit der Jahrtausendwende war der Begriff schon längst auch bei uns in Mode) dadurch zu schützen, indem sie sich zur Mittagszeit eine kleine Auszeit vom Büro mit einer arbeitsfernen Ablenkung verschaffen sollten. Ob der Pariser Büroangestellte im Bois de Boulogne seine Mittagspause zur Erhaltung seiner Gesundheit nutzte, oder ob er einfach gern im Park eine anspruchsvolle Literatur genoss, konnte ich damals nicht herausfinden. Mir war die Begegnung dennoch wert, sie zu fotografieren.
Genauso wie das folgende Motiv – und noch jemand in der Mittagspause in Paris:
Wer das neugotische Wasserschloss Moyland in der Nähe des niederrheinischen Städtchens Bedburg-Hau ausschließlich mit Joseph Beuys in Verbindung bringt, unterschätzt das abwechslungsreiche und umfängliche Ausstellungsprogramm des Hauses. Klar, die Stiftung Museum Schloss Moyland verfügt über die weltgrößte Sammlung des Werks von Joseph Beuys und ist ein Forschungszentrum von internationalem Rang. Obendrein erstrecken sich rund um das Schloss historische Gartenanlagen, die nicht nur in Sommertagen zu ausschweifenden Spaziergängen einladen. Wir hatten aber am Wochenende einen weiteren Grund an den Niederrhein nach Bedburg zu fahren: eine wunderbar in neun großzügigen Sälen gehängte Fotografie-Ausstellung mit rund 380 zum Teil historischen Fotoabzügen zum Thema Porträts, von denen mehr als 300 erstmals öffentlich zu sehen sind.
Gerne teile ich im Folgenden – im doppleten Sinne des Wortes Bedeutung, inhaltlich und formal – den Text zur Ausstellung auf der Zuhause-Seite des Musuems:
Die Ausstellung fügt sich in den Fotografieschwerpunkt der letzten Jahre, mit besonderem Fokus auf Mode- und Porträtfotografie. Sie lädt dazu ein, in die Vielschichtigkeit der Fotoporträts aus der Museumssammlung einzutreten, von den Anfängen bis zur Gegenwart.
Auf der einen Seite stehen die Repräsentationsporträts von 1860 bis in die 1930er Jahre. Sie zeigen Menschen in der Pose ihrer Zeit. Diese Selbstentwürfe zeigen das Bedürfnis des Bürgertums, der führenden gesellschaftlichen Kraft der Zeit, nach Repräsentation im Bild. Diese Bilder sind nicht nur Zeugnisse individueller Identität, sondern zugleich Dokumente gesellschaftlicher Ordnung, Ausdruck von Status und Selbstverständnis. Sie verweisen damit auch auf den gesellschaftlichen Kontext ihrer Entstehung, der sich im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert spürbar verändert. Ihr Wert liegt in der Nähe zur Realität, im Anspruch auf Authentizität, im Charakter des Sichtbaren als Beleg des Gewesenen.
Etwas freier entfalten sich Porträts späterer Jahrzehnte, 1920 bis in die Gegenwart, die den Schritt ins Künstlerische bewusst ergreifen. Hier wird das Gesicht zur Projektionsfläche, das Abbild zur Interpretation. Mit dem Aufkommen neuer künstlerischer Strömungen und Ausdrucksformen entwickelt sich die Fotografie als selbständiges Medium. Kontraste, Form, Licht und Komposition lösen sich vom rein Dokumentarischen und eröffnen ästhetische Räume, in denen Nähe und Entrückung, Intimität und Abstraktion miteinander verschmelzen.
In einem Zeitraum von 50 Jahren haben die Brüder van der Grinten die Fotografische Sammlung mit über 15.000 Fotografien zusammengetragen, darunter etwa 1300 Porträtfotos.
Folgende Künstler:innen sind in der Schau u. a. vertreten: Ellen Auerbach, Kirsten Becken, Elina Brotherus, Madame d´Ora, Rudolf Dührkoop, Fritz Getlinger, Wilhelm von Gloeden, Ute Klophaus, El Lissitzky, René Magritte, Willy Maywald, Man Ray, August Sander, Georg Schedele, Nadine Schwickart, Katharina Sieverding, Wols.
Kuratiert wurde die Präsentation von Reggy Havekes-van Creij.
Auf der Zuhause-Seite des Museums gibt es weitere umfängliche Informationen zur Ausstellung.
Alle Fotografien meines Rundgangs im Schloss und in der Ausstellung liegen hier in den SCHUBLADEN meines Archivs.
Ich habe mal wieder in den SCHUBLADEN meines digitalen Bildarchivs wühlen müssen, um ein paar passende Gruppenfotos zu meinem jüngsten BLOG-Bildbericht zu finden. Wie immer finde ich dann auch Motive, die ich gar nicht gesucht habe. Vor diesem Hintergrund war im April 2018 in meinem BLOG die Serie „Aus meinen SCHUBLADEN“ entstanden, in der ich meiner Leserschaft alte aber durchaus sehenswerte Bildmotive und ein paar dazugehörende Gedanken nicht vorenthalten wollte. Mein letzter Beitrag war dann im April 2021. Mit dem Vorschaltfoto einer Linhof 9×12 Doppelkassette aus der Zeit analoger Großbildkameras möchte ich die Rubrik zukünftig überschreiben. So zeige ich jetzt in der neuesten Ausgabe dieser Rubrik Bilder aus den Siebziger- und Achtzigerjahren.
Wohnungslose, zu meiner Zeit auch Obdachlose genannt, erregten immer schon Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Egal wo auf der Welt ich mich aufhielt, Menschen am Rand der Gesellschaft traf ich überall. Und so versuchte ich dieses in meiner heimatlichen Wohlstandsgesellschaft außergewöhnliche Bild mit der Kamera umzusetzen.
Erst später, bei Studien zahlreicher Fotobücher meiner großen oder auch weniger großen Vorbilder, fand ich vergleichbare Bildinhalte. Bereits in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts hatte Walker Evans dieses Motiv im Focus seiner Arbeit. Bemerkenswerte Bilder von Menschen auf der Straße, die ihm auffielen, gehörten zu seinen bevorzugten Bildmotiven. Im Auftrag der US-Regierung dokumentierte Evans Mitte der Dreißigerjahre die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, insbesondere die ländliche Armut im Süden und Mittleren Westen. Innerhalb dieser Arbeit entstanden unzählige ikonische Fotografien, die bis heute nachwirken.
Das menschliche Zusammenleben, die sozialen Strukturen und Institutionen und der Wandel der Gesellschaft sind die Themen der Soziologen. Seit Erfindung der Fotografie bietet das ein immer wieder visualisiertes Genre. Diesem Thema konnte ich mich als junger Fotograf gar nicht entziehen, weil ich angehalten war, ständig die Kamera im Anschlag zu halten. Mit zunehmender Erfahrung bekamen meine Fotografien für mich auch ihre dokumentarische Beschaffenheit. Jede Fotografie ist unmittelbar nach ihrer Erstellung Vergangenheit und Dokument des jeweiligen Augenblicks. Ihre formale Ästhetik und persönliche Aussage dürfen sein, treten aber vor dem Anspruch des Dokumentarischen in den Hintergrund. Bis heute will ich allerdings bei allen Ansprüchen an meine Arbeit die fotografische Ästhetik nie unberücksichtigt lassen. Ich wünsche und hoffe, dass alle Betrachtenden das auch nachvollziehen.
In den ersten Wochen meiner Ausbildung im Fotografenhandwerk im Jahre 1975 sollte ich ein unvergessliches einschneidendes Erlebnis erfahren: mein Chef, Ausbilder und späterer Mentor und Freund Karl Lang, schickte mich mit Hasselblad, Stativ und Braun-Blitz in die Aula des Clauberg-Gymnasiums in Duisburg-Marxloh. Dort hatten sich fünfzig Mitarbeiter, auch ehemalige, der August-Thyssen-Hütte zur Chorprobe versammelt – in vollem Ornat, weil mein Erscheinen mit Kamera angekündigt war. Ich sollte in der stockdunklen Halle ein Gruppenbild des Thyssenchors machen. Welch eine Herausforderung im vierten Ausbildungsmonat.
Mittelformat-Kamera aufs Stativ zwischen die Sitzreihen gequetscht, in der rechten Hand den Drahtauslöser, in der linken den Braun F 900 [aus dem Privaten Braun-Forum von Jens Gutzeit: Leitzahl: 70, mit Streuscheibe 40, Zusatzlampenstab FZK 900 hat Leitzahl 40 –Gewicht: ca 2,5 kg mit NC-Akku – Stromversorgung: mit Barix-Blei-Akku, mit Sonnenschein Blei-Gel-Akku, mit 7 NC-Zellen und mit Netzteil. Das Netzteil liefert direkt Hochspannung, die Akkus liefern nominell 8,5 V].
Den schweren Handblitz so hoch wie möglich in Richtung Bühne so gehalten, dass auf die vorderen Sitzreihen im Format des Motivs nicht allzu viel Licht kam – und dann die positionierten fünfzig Köpfe im Blick, mit dem hohen Anspruch, dass sich jeder auf dem Foto hinterher wiedererkennt: akut Schweißausbrüche und schlaflose Nacht bis zur Entwicklung des Rollfilms mit acht Belichtungen am folgenden Tag. Mehr Belichtungen waren nicht drin, weil die Herren vom Chor während des Shootings ungeduldig wurden.
Ausbilder und Kunde waren zufrieden, so startete ich als Spezialist in eine vermeintliche Gruppenfoto-Fotograf-Karriere. Zu meiner Freude und nachhaltigen Zufriedenheit sollte ich im Laufe der weiteren vierzig Jahre im thyssenkrupp-Konzern zahlreiche andere Genre in der werblichen Industriefotografie bedienen können. Gruppenfotos haben mich aber auch im privaten Umfeld bis heute gefordert. Das war der Grund, mich mit Spannung auf die Fotografie-Ausstellung im KUNSTPALAST zu freuen. 270 Werke waren mir in der Einladung zur Vorbesichtigung versprochen.
Die Kuratorin Dr. Linda Conze hat mit ihrer Kollegin Miriam Homer neun Themengruppen in den großformatigen Sälen des Museum KUNSTPALAST so konzipiert, dass die Titel schon andeutungsweise vermuten lassen, welche Bildmotive erwartet werden können:
1. Das Gruppenbild als Ritual: „Das sind wir!“, 2. Bildgewordene Gemeinschaft ist veränderbar: „Wer gehört dazu?“, 3. Wenn Nähe Druck erzeugt: Zu eng. Gemeinschaft als Zumutung“, 4. Ein Dorf im Wandel:“ Gemeinschaft begleiten“, 5. Räume der Begegnung und ihr Verschwinden: „Gemeinschaft in Wartestellung“, 6. Wir-Gefühl und Vereinnahmung: „Eins werden“, 7. Sichtbarkeit, Kontrolle, Überwachung: „Eine*r unter vielen“, 8. Gegen die Leerstelle: Black Archive Germany“ und 9. Vernetzt wie nie: „How to get in Touch“.
Die Familie, der Schwimmverein, das politische Kollektiv: Menschen schließen sich seit jeher zu Gemeinschaften zusammen. Doch Gemeinschaft ist per se nicht sichtbar, vielmehr beschreibt sie ein Gefühl, einen Wunsch und eine Behauptung. Gerade deshalb braucht sie Bilder, um verbindlich zu werden.
Fotografie hält Zugehörigkeit nicht nur fest, sie kann sie ebenso erzeugen, bekräftigen oder infrage stellen. Sie macht sichtbar, dass man Teil von etwas Größerem ist und dient zugleich der Abgrenzung: Wer schafft es in den Bildausschnitt, wer bleibt außen vor? Gerade deshalb braucht sie Bilder, um verbindlich zu werden.
Die Ausstellung beleuchtet dieses spannungsreiche Verhältnis in neun thematischen Kapiteln. Angewandte und künstlerische Fotografie treten dabei bewusst in einen Dialog. Ausgehend von der Sammlung des Kunstpalastes und ergänzt durch wichtige Leihgaben zeigt die 270 Werke umfassende Schau erstmals, wie sich Formen des Zusammenlebens und Formen bildlicher Darstellung wechselseitig beeinflussen. Der Bogen spannt sich von Gruppenporträts des 19. Jahrhunderts bis zu digitalen Bildwelten der Gegenwart. Die Ausstellung, die vom 11. Februar bis 25. Mai 2026 im Kunstpalast zu sehen sein wird, beleuchtet das facettenreiche Verhältnis von Fotografie und Gemeinschaft in Geschichte und Gegenwart.
Kaum ein fotografisches Genre eignet sich besser, um Zugehörigkeit zu demonstrieren, als das Gruppenbild. Von der streng komponierten Studioaufnahme des 19. Jahrhunderts bis zum spontanen Group Selfie unterwegs stellen Menschen sich gemeinsam für die Kamera auf. Sie rücken zusammen, ordnen ihre Körper, finden eine Position im Bild. Das gemeinsame Posieren ist ein Ritual, das Verbundenheit ausdrückt. Besonders dann, wenn Fotografien ihren Weg in Alben finden, werden sie zum Anlass, Gemeinschaft zu erzählen, zu erinnern und lebendig zu halten. Historische und zeitgenössische Gruppenporträts belegen: Gemeinschaftliche Fotos spiegeln Beziehungsgefüge nicht nur, sie tragen auch dazu bei, sie zu formen.
Das Gruppenfoto folgt jedoch meist ungeschriebenen Regeln. Wer steht in der Mitte, wer am Rand? Wer erscheint oben, wer unten, wer fehlt im Bild? Fotografien lassen sich bearbeiten, umdeuten und neu zusammensetzen. Gemeinschaft im Bild kann erweitert, aufgekündigt oder aus dem Nichts erzeugt werden. Wenn am Gruppenfoto „herumgebastelt“ wird, zeigt sich besonders klar, dass Gemeinschaft immer gleichzeitig Einschluss und Ausschluss bedeutet. Eingriffe können emotional, zweckmäßig oder politisch motiviert sein und sie reichen von kaum wahrnehmbar bis deutlich konfrontativ.
Aus meiner Erfahrung als Fotograf, aber auch bestätigt durch zahlreiche der ausgestellten Motive im Museum, sehe ich ein Gruppenfoto als Inszenierung. Ob Auftragsarbeit oder freies Thema, der Autor/die Autorin zeichnet verantwortlich für die Konstellation der Gruppe, den Bildauschnitt, den Hintergrund, wer ist in der Mitte, wer im Vordergrund. Und so ist jedes Gruppenbild auch immer ein Indiz für den Anspruch des/der Fotografierenden.
Fotografie kann Menschen in der Menge verschmelzen lassen, sie kann aber auch Einzelne herauslösen und ihnen besondere Sichtbarkeit verleihen. Zoom, Markierungen oder Technologien der Gesichtserkennung lenken den Blick auf Individuen. Oft braucht es ein einzelnes Gesicht, damit sich Vorstellungen von Gemeinschaft verdichten. Indem Massen visuell aufgespalten werden, lassen sich soziale Strukturen untersuchen und vermeintliche Einigkeit hinterfragen. Zugleich kann diese Auswahl der Überwachung dienen und Anonymität aufheben.
Ich halte die heute weit verbreitete Angewohnheit der Selfie-Fotografie für die individuelle Fortführung der Gruppenfotografie, bei der die ProtagonistInnen ihren Anspruch formulieren, hier, da, dort oder dann dabei gewesen zu sein. Was früher durch Teilnahme auf dem Gruppenportrait bestätigt wurde, wird heute eben mit ihrem Selfie dokumentiert. Da bleibt die Frage nach der Archivierung von gemeinschaftlichen Bildmotiven für die Zukunft zunächst unbeantwortet, da die zeitgenössische Visualisierung dieses Genres zumeist in privaten Cloud-Speichern landet. Das Sammeln von fotografischen Gemeinschaftsmotiven sollte sich dann nicht nur auf Museen und Sammlungsinstitutionen beschränken. Als Fotograf kann ich bestenfalls auch dazu beitragen, dieses außergewöhnliche fotografische Genre für die Nachwelt zu erhalten.
Text von Karsten Enderlein und der Pressestelle des MUSEUM KUNSTPALAST.
Detailinformationen zu der Fotografie-Ausstellung im KUNSTPALAST finden Sie auf seiner Zuhause-Seite.
Alle Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung sind in den SCHUBLADEN meines Archivs zu finden.
Ich brauche weder ein Faible für Gemälde von Franz Marc, August Macke, Erich Heckel und Alexej Jawlensky, noch eine Leidenschaft für Fotografien von Albert Renger-Patzsch, Hugo Schmölz und Evelyn Serwotke. Mich muss auch nicht das einhundert jährige Jubiläum der Stadthalle Mülheim interessieren. Ich brauche nicht einmal eine Begeisterungsfähigkeit für großartige Architektur aus dem Jahr 1897, mit einer prachtvollen Fassade mit Stilelementen der Spätgotik und Renaissance, hinter der sich die Verwaltungsräume der Postbeamten, die Telegrafie- und Fernsprechstelle sowie eine Dienstwohnung für den Amtsvorsteher befanden. Ich brauche lediglich eine Portion Neugier, warum die vorgenannten Künstler, FotografInnen und Gebäude unmittelbar im Zusammenhang stehen. Um diese Neugier umfänglich zu befriedigen, reicht ein Besuch im KUNSTMUSEM MÜLHEIM:
In den großzügigen Museumsräumen der ehemaligen Hauptpost finden in den nächsten Monaten zwei hoch informative Präsentationen statt: IM GARTEN DER KUNST – MARC, MACKE, HECKEL, JAWLENSKY, die Sammlung Karl und Maria Ziegler (Teil 2) und 100 JAHRE STADTHALLE MÜLHEIM. MODERNE IM WANDEL, Fotografien von Albert Renger-Patzsch, Hugo Schmölz, Evelyn Serwotke.
Im 1. Obergeschoss des Kunstmuseums entsteht durch eigens angebrachte Tapeten, arrangierte Fotografien und historische Möbel eine stimmige Ausstellungskulisse, in der die musealen Bilder ihre private Herkunft lebendig vor Augen führen. Das leuchtende Kolorit der Bilder erinnert daran, wie sich der liebevoll gestaltete Garten im Wohnbereich farbenprächtig fortsetzte. „Im Garten der Kunst“ schlägt eine gedankliche Brücke zwischen Kunst- und Naturerleben und eröffnet einen sinnlichen Zugang – sowohl zur Sammlung selbst als auch zur persönlichen Motivation des Sammelns.
Die Wirkung der Stadthalle Mülheim ist von starken Kontrasten geprägt: Außen dominiert baulich der Renaissance-Stil, der der Stadt Mülheim den Titel „Ruhrvenedig“ beschert. Im Gegensatz zur Fassade überraschte das Innere mit radikaler Moderne. Der Architekt Emil Fahrenkamp nutzte knallige Farben, edlen Marmor und den avantgardistischen Art-DécoStil zur Gestaltung der Innenräume. Sein spektakuläres Design setzte neue Maßstäbe und prägte die Gestaltung nachfolgender Baustile in Mülheim wie beispielsweise an den Säulen im Foyer der damaligen Hauptpost (jetzt Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr) zu sehen ist. Einige der dort verwendeten Elemente realisierte Emil Fahrenkamp gemeinsam mit dem Schweizer Künstler Paul Speck, ab 1924 Leiter der baukeramischen Abteilung der Großherzoglichen Majolika-Manufaktur Karlsruhe.
Namhafte FotografInnen haben die Errichtung des Baus, die Umbauten sowie die Innenräume in verschiedenen Zeiten und Bauphasen dokumentiert und inszeniert. Die Ausstellung zeigt Fotografien von Albert Renger-Patzsch, Hugo Schmölz, Evelyn Serwotke, die im Auftrag der Stadt aufgenommen wurden.
Die Ausstellung wird von Dr. Jörg Schmitz (Leiter der Camera Obscura, Mülheim an der Ruhr) kuratiert und ist eine Kooperation zwischen der Mülheimer Stadtmarketing und Tourismus GmbH (MST) und dem Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr. Die Ausstellung wird im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, im Grafikraum (1. Obergeschoss) präsentiert.
Nach dem Besuch der Ausstellungen in Mülheim ist meine Neugier umfänglich befriedigt. Interessant ist es, wie häufig komplexe Verhältnisse im Zusammenhang stehen – in unserer Kultur im Allgemeinen und in der Kunst im Besonderen. Ich kann Beziehungen in den unterschiedlichsten Genres entdecken, Wechselbeziehungen, Berührungspunkte, Ähnlichkeiten, Übereinstimmungen. Die Neugier darauf, wie alles irgendwie zusammenhängen kann, bringt mich in meiner Arbeit als Fotokünstler/Fotograf immer wieder ein Stück voran, und es hilft, meine Ideen fotografisch zu verwirklichen.
Die Institution Museum ist nicht nur dafür geschaffen, unsere Faibles und Leidenschaften zu bedienen und vorhandene Expertisen zu verdichten, sondern auch, uns allgemein anzuschlauen, kulturelle Eigenschaften besser zu begreifen. Das KUNSTMUSEUM MÜLHEIM leistet zu dieser Erkenntnis einen attraktiven Beitrag.
Text: Karsten Enderlein und Pressestelle KUNSTMUSEUM MÜLHEIM a.d.Ruhr
Die Eröffnung der Ausstellungen findet am 7. Februar 2026 um 17 Uhr statt.
Umfängliche Informationen zu den Ausstellungen finden Sie auf der Zuhause-Seite des KUNSTMUSEUM MÜLHEIM a.d. Ruhr.
Alle Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung sind hier in den SCHUBLADEN meines Archivs zu sehen.