ICH, GUSTAVE COURBET, Maler und Rebell – unter diesem Titel präsentiert das Museum Folkwang in Essen eine Retrospektive des Wegbegleiters der Moderne

Ich gehe zur Ausstellungsvorbesichtigung ins Museum Folkwang nach Essen. Eine Retrospektive des Malers Gustave Coubert (1819–1877) wird dort noch bis zum 8. November 2026 präsentiert. 85 Gemälde und 14 Zeichnungen des Künstlers sind neben acht Fotografien von Zeitgenossen ausgestellt, obendrein Historische Druckgrafik, Postkarten und Briefe – in 10 Räumen auf 980 Quadratmetern. Das kuratorische Team Museum Folkwang mit Anna Brohm, Hans-Jürgen Lechtreck und Sonja Pizonka hat die Ausstellung in Essen zu verantworten.


Ich erfahre in der Pressekonferenz, die Hängung sei sportlich verlaufen. So musste für den Transport ins Museum das Großformat von 1861 Le Cerf à l’eau ou Le Cerf forcé (übersetzter Titel: Der Hirsch am Wasser oder Der getriebene Hirsch) aus dem Rahmen genommen werden, der Rahmen selber in vier Teile demontiert werden und das ganze Exponat in Essen unter der Aufsicht des Leihgebers, dem Direktor des Musée des Beaux-Arts Marseille, wieder zusammengesetzt werden. Obendrein war der Zeitraum der Hängung stark verkürzt, weil die Courbet-Ausstellung noch bis zum 21. Juni im Leopold Museum in Wien zu bestaunen war.

Respekt für das gesamte Team, die Präsentation ist sehr beeindruckend. In den dunkel gehaltenen Sälen des Museums wirken die fokussiert beleuchteten Werke in ihren sehr prunkvollen, breiten und stark verzierten Goldrahmen sehr exklusiv. Courbets materialbetonte, pastose Malweise, mit der er als Entwickler einer Bildsprache gilt, die den Weg in die Moderne wies, lässt sich im Licht der LED-Galerie-Beleuchtung durch harte Reflexe auf der aufgetragenen Ölfarbe optisch gut nachspüren. Nur berühren darf ich nicht.

Ich durfte bereits bei den Recherchen zu meinem aktuellen Fotoprojekt „LICHT UND FARBE in der Normandie“ lernen, dass Courbet nicht nur Mitte des19. Jahrhunderts an den gleichen Orten verkehrte und malte, an denen eine neue Kunstrichtung im Aufschwung war, die nach dem Titel eines Motivs seines Malerkollegen Claude Monet wenig später „Impressionismus“ genannt wurde. Er arbeitete auch im Stil der so genannten „plein-air-Malerei“ zahlreiche Seestücke in der Normandie, die sogar etwa fünfzehn Jahre vor der Sturm- und Drangzeit impressionistischer Malerei seiner Malerkollegen in und um Étretat zeitlich zu verorten ist.

Ab etwa 1855 setzte Courbet die Fotografie gezielt für seine eigene Außendarstellung ein. Fotografische Porträts halfen ihm dabei, sein öffentliches Bild zu prägen – seine „Maske“, wie er selbst dieses inszenierte Erscheinungsbild nannte. Auch von seinen Gemälden ließ er Fotografien anfertigen. Diese verschickte er an Freunde und Familienmitglieder oder verkaufte sie an Besucher seiner Ausstellungen. So nutzte er die Fotografie, um seine Werke und sich selbst einem größeren Publikum bekannt zu machen.
Courbet nutze für die technische Ausführung seiner „visuellen Kommunikation“ die Dienste des befreundeten Fotografen Félix Nadar. Félix Nadar gehörte zu den bekanntesten Fotografen seiner Zeit. Sein lichtdurchflutetes Atelier am Boulevard des Capucines war weit mehr als ein Ort für Porträtaufnahmen – es war ein Treffpunkt der Pariser Kunstszene. Als der staatliche Salon de Paris die Werke einer Gruppe junger Maler ablehnte, öffnete Nadar ihnen 1874 seine Atelierräume und schuf damit Raum für einen Neuanfang. Hier präsentierten Künstler wie Claude Monet, Pierre-Auguste Renoir und ihre Weggefährten erstmals gemeinsam ihre Arbeiten.

Auch für Courbets Malerei spielte die Fotografie eine wichtige Rolle. Courbet besaß eine umfangreiche Sammlung von Fotografien, darunter Landschaftsaufnahmen, Aktstudien und auch pornografische Bilder. Sie dienten ihm als Anregung und erweiterten seinen Blick auf Motive und Bildgestaltung. Seine Zeitgenossen sahen diese Nähe zur Fotografie allerdings kritisch. Sie warfen ihm vor, seine Gemälde würden die Wirklichkeit lediglich wiedergeben, anstatt sie künstlerisch zu gestalten. Es fehle ihnen an Fantasie, einer durchdachten Komposition und einer tieferen Aussage.
Heute wird Courbets Verhältnis zur Fotografie differenzierter betrachtet. Zwar erinnern manche seiner Bilder in ihrem Bildausschnitt, ihrer Lichtführung oder der Inszenierung der Figuren an Fotografien des 19. Jahrhunderts. Das bedeutet jedoch nicht, dass er fotografische Vorlagen einfach übernahm. Vielmehr setzte er sich intensiv mit den neuen Bildmöglichkeiten der Fotografie auseinander und übertrug deren Anregungen auf seine eigene Malerei. Die Fotografie wurde für ihn nicht zum Ersatz, sondern zu einer wichtigen Quelle künstlerischer Inspiration.

Die Verbindung zwischen der Malerei und der Fotografie in der damaligen Zeit wird in der Ausstellung am Beispiel Courbets überzeugend nachgezeichnet. Inspiration für eine Brücke zwischen beiden Medien zur heutigen Zeit bietet die Präsentation im Museum Folkwang obendrein.

Detailinformationen über Gustave Coubet und zu der Ausstellung im Museum Folkwang findet man auf dessen Zuhause-Seite. Alle Bilder der Ausstellungsvorbesichtigung sind unter BEGEGNUNGEN in den SCHUBLADEN meines Online-Archivs zu sehen.













































































































