KI – FLUCH ODER SEGEN – FLUCH UND SEGEN

Nach langem Zaudern möchte ich heute und an dieser Stelle, inspiriert durch den Text einer Werbeanzeige bei meiner morgendlichen Informationslektüre, einen Aspekt meines Standpunkts zum Thema Künstliche Intelligenz verbreiten, in der heutigen Zeit auch teilen oder posten genannt. Da ich kein Ambassador einer der zitierten Unternehmen bin, und schon lange nicht für redaktionell getarnte Werbebotschaften eine monetäre Vergütung erhalte – also auch nicht Influenzender bin – erlaube ich mir, die Marken der Unternehmen nicht zu benennen. Es handelt sich bei dem zitierten Produkt um das Smartphone eines chinesischen Technologie-Konzerns in Kooperation mit einem Kameravertreiber aus Wetzlar, so viel sei verraten. Weil das zitierte Thema in mein Genre der Fotografie hautnah eintaucht, möchte ich meinen LeserInnen das keinesfalls vorenthalten.

Vorab möchte ich darauf verweisen, dass ich das Kürzel KI und ebenso den Begriff künstliche Intelligenz für unrichtig halte, wenn wir über das große Thema „Menschliche Intelligenzleistungen wie Lernen, Problemlösen und Entscheidungsfindung durch rechnergesteuerte IT nachahmen“ sprechen. Seriöse Wissenschaftler haben mich gelehrt, dass der Begriff Intelligenz ausschließlich der Fähigkeit eines menschlichen Gehirns zugewiesen werden sollte, um grundlegenden Missverständnissen vorzubeugen.

Ich möchte aber die Entwicklung der sog. KI keinesfalls verteufeln, im Gegenteil, jeder sollte sie ausprobieren und gegebenenfalls nutzen, aber bitte mit Sinn und Verstand (dem eigenen!) und auf jeden Fall ihre Vorschläge als solche wörtlich nehmen und überprüfen. Dann wird im Alltag durchaus ein wirklich hilfreiches ergänzendes Werkzeug daraus, eigenes Arbeiten zu optimieren.

Soviel grundsätzlich kurz vorab zu meiner persönlichen Einstellung zu diesem viel beachteten und vielfach diskutiertem Phänomen jüngster Entwicklung im IT-Sektor.


Ich habe obendrein einige kleine Bildergalerien eingestreut, bestehend aus Motiven aus meinen SCHUBLADEN, die mir beim Lesen in den Kopf kamen (© 2026 Karsten Enderlein, aus den Jahren 1989-2017). Nicht nur wegen geschützter Autorenrechte, sondern aus eitlem Eigennutz habe ich die Originalfotos der Werbung gegen eigene Fotografien ausgetauscht. Folgend nun der Text der Werbeanzeige:

Perfektion ist in unserem digitalen Alltag zum Standard geworden, auch in der Fotografie. Doch je ausgefeilter die Technik, desto mehr sehnen wir uns nach authentischen Bildern. Der Handy-Herstellet [XXX] hat den Trend erkannt. Sein [XXX XX] mit [XXX] Technik garantiert echte Momente.

Es ist kurz nach Mitternacht, die kleine Party hat sich längst in die Küche verlagert. Die Gespräche sind von den großen Themen in die Anekdoten abgebogen – „Weißt du noch, wie Ben auf dem Weg zur Prüfung im Lift stecken geblieben ist?“. Lachen, noch ein Glas Wein. Irgendwo zwischen Freude und Vertrautheit entsteht dieser schwer greifbare Moment, den man später Erinnerung nennt. Nichts daran ist inszeniert. Das Licht ist schwach, die Schatten sind weich, die Gesichter nicht perfekt ausgeleuchtet. Und genau deshalb ist er echt. Solche Augenblicke sind es, die im Zentrum einer Entwicklung stehen, die man als leise Gegenbewegung zur Ära der Künstlichen Intelligenz lesen kann. Während Bilder heute per KI aufgepimpt werden und Perfektion zum technischen Standard geworden ist, wächst zugleich eine neue Sehnsucht: nach Wirklichkeit.

Der Hersteller [XXX] wollte es genauer wissen und hat zu diesem Thema eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Titel: „Real Moments“. Die Studie beleuchtet den Stimmungswandel mit bemerkenswerter Klarheit. 78 Prozent der Befragten sagen, dass Echtheit in einer digitalen Welt immer wichtiger wird, 79 Prozent legen Wert darauf, dass Bilder authentisch wirken. Gleichzeitig empfinden 69 Prozent die permanente Perfektion digitaler Medien als anstrengend. Es ist ein paradoxes Verhältnis: Die Möglichkeiten der Optimierung werden genutzt – und zugleich zunehmend hinterfragt.

Tatsächlich hat sich die visuelle Welt radikal verdichtet. 85 Prozent der Deutschen konsumieren täglich Bilder, mehr als die Hälfte sogar mehrmals am Tag. Kl-generierte Inhalte sind dabei kein Randphänomen mehr, sondern fester Bestandteil des Alltags. 57 Prozent begegnen ihnen täglich. Und 83 Prozent geben an, dass es schwieriger geworden ist zu erkennen, ob ein Bild echt ist.

Doch je größer die Unsicherheit, desto stärker wird der Wunsch nach Verlässlichkeit. Echtheit wird zu einer kulturellen Währung. 84 Prozent der Befragten finden reale Erlebnisse bedeutungsvoller als digitale, die meisten wünschen sich weniger bearbeitete Bilder in sozialen Netzwerken. Besonders aufschlussreich ist dabei ein Detail: 72 Prozent sagen, dass sie beim Fotografieren den Moment nicht optimieren wollen. Sondern bewahren. Hier verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Fotografie war lange ein Versprechen auf Perfektionierung: mehr Licht, mehr Schärfe, mehr Brillanz. Heute wird sie wieder zu dem, was sie ursprünglich war: ein Mittel der Erinnerung. Über 90 Prozent der Befragten sagen, ein gutes Foto bringe sie zurück in den Moment. Es geht weniger um das Bild als um das, was es·auslöst.

Interessant ist, dass gerade die Nacht in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung erhält. 43 Prozent erleben Bilder am Abend intensiver, Nachtaufnahmen werden mit Freiheit, Ehrlichkeit, Spannung und Intimität verbunden. Dunkelheit ist hier kein Mangel, sondern Atmosphäre. Sie ist das Gegenteil der grellen Dauerpräsenz sozialer Medien – und vielleicht gerade deshalb so attraktiv.

Die Frage, die sich daraus ergibt, ist ebenso einfach wie folgenreich: Soll ein Foto die Wirklichkeit verbessern – oder sie bewahren?

Technologisch ist beides möglich. Doch die kulturelle Präferenz verschiebt sich. 84 Prozent der Befragten finden, ein Foto solle die echte Lichtstimmung zeigen, auch wenn sie dunkler ist. Ein spannender Befund: In einer Welt, in der Helligkeit jederzeit künstlich erzeugt werden kann, gewinnt die Akzeptanz von Dunkelheit an Wert.

Genau an dieser Schnittstelle von Technologie und Bedeutung positionieren sich neue Gerätegenerationen. Das [XXX] etwa wird nicht nur als leistungsstarkes Smartphone verstanden, sondern als Werkzeug für das, was man „Real Moments“ nennen könnte. Seine Kameratechnologie – entwickelt in Partnerschaft mit [XXX] – zielt nicht primär auf Überhöhung, sondern auf Präzision: auf das Einfangen von Licht, wie es ist. Der große 1-Zoll-Sensor, die aufwendige Linsenbeschichtung, die Reduktion optischer Störungen – all das dient letztlich einer einzigen Idee: dass Bilder nicht glatter, sondern glaubwürdiger werden. Dass Details auch im Dunkeln sichtbar bleiben, ohne die Szene zu verfälschen. Dass die Nacht ihre Magie entfalten kann: als Raum für Nuancen. Aus dieser Perspektive wird Technik nicht zum Gegenpol von Echtheit, sondern zu ihrer Voraussetzung. Denn das Festhalten eines echten Moments ist anspruchsvoller, als ihn zu inszenieren. Es verlangt Geräte, die mit wenig Licht umgehen können, die Dynamik aushalten, die nicht glätten, wo Struktur ist.

Vielleicht liegt genau darin der eigentliche kulturelle Wandel: nicht die Abkehr von Technologie, sondern ihre Neubewertung. Innovation wird nicht mehr nur daran gemessen, wie viel sie verbessert, sondern daran, wie gut sie wertvolle Erinnerungen bewahrt. Wenn Bilder überall zur Verfügung stehen, ist entscheidend, welches davon nicht künstlich erzeugt wurde, sondern ein echtes Erlebnis dokumentiert. Und wenn Perfektion jederzeit verfügbar ist, wird Unvollkommenheit zum Zeichen von Wahrheit.

So gesehen ist der Moment in der Küche, kurz nach Mitternacht, nicht nur eine beiläufige Szene. Er ist ein Gegenentwurf. Und in einer scheinbar perfekten, aber auch kälteren Welt tatsächlich ein Luxus.


Wenn auch für ein Markenprodukt werbend, wie passend. Es lebe die Fotografie, so wie ich sie in meinem Fotografenleben immer verstanden habe. Hierzu meine im Sommer letzten Jahres kommunizierte Einstellung zum Thema Fotografie im Allgemeinen und zu meiner Arbeit im Besonderen:

Fotografie beschränkt sich für mich nicht aufs Bilder machen. Fotografie ist ein höchst komplexer Schaffensprozess. Dieser geradezu intellektuelle Prozess beginnt mit einem Impuls, der zunächst eine Fotografie in meinem Kopf entstehen lässt. Anschließend entwickle ich ein Thema, eine Botschaft oder eine Meinung, die vermittelt werden soll. Ich überlege, welche Formalismen für die Visualisierung nötig sind: Ort, Jahres- und Tageszeit, Perspektive, Licht, Kamera, Format und eine Reihe von Kompositionsprinzipien. Danach ist eine Vielzahl von Schritten erforderlich, um meine Bildsprache lesbar zu machen. Am Ende entwickeln sich Abbilder subjektiver Wirklichkeit: meine Fotografien, Zeugnisse meines Fotografenlebens.


Mein nächster BLOG-Beitrag wird in jedem Fall weniger textintensiv sein, versprochen. Dort geht es dann voraussichtlich um mein aktuelles Fotografie-Projekt „LICHT UND FARBE – Auf den Spuren der Impressionisten in der Normandie“ (=Arbeitstitel!).

WENIGER IST MEHR

Das K20 in Düsseldorf zeigt erste umfassende Ausstellung mit Werken der US-amerikanischen Künstlerin Anne Truitt.

Wenig aber große Kunst mit vielen BesucherInnen, Ausstellungsansicht K20 Düsseldorf © 2026 Karsten Enderlein

Großartige visuelle Impulse nicht nur für Kreative und Bildende, sondern für alle Denkenden. Ich möchte versuchen zu beschreiben, warum mich die aktuelle Ausstellung im Düsseldorfer K20 mit den Werken der US-amerikanischen Künstlerin Anne Truitt (1921-2004) so beeindruckt hat:

Ausstellungsansicht, One, 1962 – Acrylic on wood, Detail © 2026 Karsten Enderlein

Wenn auch etwa 120 Werke der Künstlerin präsentiert werden, in den großen weißen Sälen des Museums verlieren sie sich dennoch ein wenig. Das schafft mir aber Raum, bietet Abstand zu den teilweise grellfarbenen Objekten und fördert obendrein mein eigenes Denken. Ich kann die Räume durchschreiten und erfahre Zeit beim Bewegen zwischen einzelnen Impulsen, muss nicht das Museum einem Ausstellungskatalog ähnlich hektisch durchstöbern. So tritt ein faszinierender Effekt ein: Die Exponate der in den USA längst als Wegbereiterin der Minimal Art geltenden Künstlerin lassen mir beim Betrachten ausreichend Freiraum für eigenes Interpretieren und eigene Fantasien.


Lautstarke monochrome Stelen dürftig im großen weißen Saal gestellt – Weiß-auf-Weiß-Malerei an den Wänden eines weißen Saals sparsam verteilt – farbig leuchtende Arbeiten auf weißem Papier in weißen Rahmen auf weißer Wand, das alles fokussiert meine Konzentration auf ein wenig Form und Farbe. Dieser Minimalismus erfährt meine höchste Aufmerksamkeit und lässt mich sinnen über allgemeingesellschaftliches Handeln in jeder Beziehung, das Essen, das Trinken, das Arbeiten, das Reisen, das Treffen und Begegnen, alles in allem auch verbunden mit unserem menschlichen Bedürfnis nach Konsum jeglicher Art. Wie wäre es, mal etwas wegzulassen, zu minimieren subjektiv auf das wirklich Sinnhafte? In der Ausstellung finde ich Impulse für ein solches Denken. Anne Truitt hilft mir beim Betrachten ihrer Werke, dass wenig sehr viel beuten kann, und so erinnere ich mich an die oft schon geistlose Floskel weniger ist mehr und finde auf einmal, wie richtig sie klingt. Das triggert mich auf angenehmste Weise, und ich kann gedankenversunken noch mehrere Runden durch die Ausstellungsräume drehen.

Alexandra Truitt lebt in New York und verwaltet den Nachlass ihrer Mutter, © 2026 Karsten Enderlein

Wenn die Tochter der Künstlerin Alexandra Truitt über ihre Mutter sagt, sie sei streng, sehr streng gewesen, und hoch konzentriert bei ihrer Arbeit, verstehe ich, dass diese linearen, stringenten, linienorientierten Objekte in der Ausstellung ausgerechnet von einer so beschriebenen Künstlerin stammen. In Perfektion und Strenge gearbeitet, dabei klar und eindeutig, so wirken auf mich alle einzelnen Exponate.

Kuratorin und Truitt-Expertin Vivien Trommer © 2026 Karsten Enderlein

Die Kuratorin dieser umfassenden Retrospektive mit Werken aus 50 Jahren Vivien Trommer (*1986 in Berlin), urteilt als ausgewiesene Truitt-Expertin zu Recht, wie ich finde: „Truitt holte die Bilder von den Wänden, platzierte sie im Raum. Ihr gebührt ein Platz in der Kunstgeschichte.“

Alle Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung vom 26.03.2026 finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs genau hier.

Weitere umfassende Informationen zur Ausstellung und über den handlichen trotzdem umfänglichen Katalog finden Sie auf der Zuhause-Seite des Museums.

11. Dezember 1995: Selfie, damals noch Selbstporträt genannt, in meinem Studio in Wesel.


Wenn auch das Kleinbildnegativ mit diesem Motiv unter der Negativnummer KC 1597_23A jahrzehntelang in meinen Schubladen schlummerte, so war sicher damals meine Intention, etwas „teilen“ zu wollen. Ich wollte bestimmt mit diesem Foto mitteilen, ich bin ein Fotograf, und ich habe ein Studio. Heute möchte ich das Teilen nachholen. Das Studio in Wesel habe ich allerdings nicht mehr. Fotograf bin ich immer noch.

NACH DER C.A.R. IST VOR DER C.A.R.

Die nächste CONTEMPORARY ART RUHR im Welterbe Zollverein in Essen findet vom 16. bis 18. Oktober 2026 statt.

Mein Bildbericht zum Aufbau der C.A.R. im März 2026


20 Jahre C.A.R.!

Kunst. Neu. Visionär: Für ein Kunst-Wochenende, 20. bis 22. März, präsentierte die PHOTO/MEDIA ART FAIR der Kunstmesse contemporary art ruhr (C.A.R.) über 300 Werke von 150 Aussteller*innen in drei Hallen UNESCO-Welterbe Zollverein. Besonders spektakulär: das im letzten Jahr gestartete Format NEW SPACES mit riesigen Installationen und Videoarbeiten, seit 2009 wieder in den Räumen der Mischanlage, bei dieser Ausgabe erstmalig auf drei Ebenen: Foyer, Trichter- und Bunkerebene. Der C.A.R. Shuttle-Service sowie das deinKult Cafè, Partner der C.A.R. mit mehreren Gastronomie-Stationen und Biergarten, laden zum Verweilen ein. Am Freitag, ab 19 Uhr zur Opening Night, eröffnete der Oberbürgermeister der Stadt Essen, Thomas Kufen, als Schirmherr die Veranstaltung, sowie Christoph Tesche, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zollverein, die C.A.R. mit einem Grußwort.
Das Spektrum dieses Frühjahr reichte vom Schwerpunkt Fotografie, über Installation, Videokunst, Skulptur, Mixed Media, Street Art, VR- und KI-Kunst, Klang -und Lichtkunst, bis hin zu Holographie – mit Galerien für zeitgenössische Kunst, innovativen Kunst-Projekten & Institutionen, Specials und Sonderausstellungen.


Veranstaltungstermine
Termine contemporary art ruhr (C.A.R.)

2026

20. bis 22. März, PHOTO/MEDIA ART FAIR

16. bis 18. Oktober, INNOVATIVE ART FAIR

2027 

19. bis 22. März, PHOTO/MEDIA ART FAIR

22. bis 24. Oktober, INNOVATIVE ART FAIR

Weitere Informationen zur Kunstmesse in Essen finden Sie auf der Zuhause-Seite der C.A.R.: http://contemporaryartruhr.de/

MONET – CÉZANNE – MATISSE

Der Kunstpalast in Düsseldorf zeigt erstmals die bedeutenste deutsche Privatsammlung des französichen Impressionismus und Post-Impressionismus der Öffentlichkeit: The Scharf Collection

Christiane und René Scharf im Gespräch mit einem Medienvertreter, © 2026 Karsten Enderlein

René Scharf: „Es war uns – wie auch den Generationen vor uns – immer wichtig, die einzelnen Werke der Sammlung für Museumsausstellungen zur Verfügung zu stellen, um sie mit möglichst vielen Menschen zu teilen. Dennoch ist es für meine Frau und mich eine neue Erfahrung, nun mit der gesamten Sammlung unter unserem Namen in die Öffentlichkeit zu gehen“, so der Sammler. „Dass die Ausstellung auch in meine Geburtsstadt Düsseldorf kommt und einige meiner persönlichen Favoriten – wie Edgar Degas’ experimentelle Monotypien – hier sogar exklusiv gezeigt werden, freut mich sehr.“

Ausstellungsansicht mit Werken Henri de Toulouse-Lautrecs im Düsseldorfer Kunstpalast, © 2026 Karsten Enderlein

René Scharf, der von 1984 bis 2003 zunächst für Christie’s und das Museum of Modern Art arbeitete und dann als Kunsthändler in New York tätig war, erweiterte den Kern der Sammlung um Werke der klassischen Moderne und des Abstrakten Expressionismus wie von Sam Francis. Heute richten René und seine Frau, die Rechts – und Fachanwältin für Urheber- und Medienrecht Christiane Scharf, ihren Blick auch auf die zeitgenössische Kunst und führen damit die familiäre Sammlungstradition in die Gegenwart fort. Zu den neueren Erwerbungen gehören internationale Positionen wie Robert Longo und Sean Scully, aber auch Künstler*innen der aufstrebenden Berliner Kunstszene, die das Sammlerehepaar früh gemeinsam für sich entdeckte. Sie verdeutlichen die Vielfalt der zeitgenössischen Malerei im Umgang mit Farbe und Form – von Jonas Burgerts surrealer Figuration über Martin Eders provokante Pop-Ästhetik bis zu Katharina Grosses monumentalen Abstraktionen.

Sarah Wulbrandt (Leiterin Presse Kunstpalast), Kathrin DuBois (Kuratorin, Sammlungsleitung Malerei bis 1900) und Felix Krämer (Generaldirektor des Kunstpalastes), v.l.n.r., © 2026 Karsten Enderlein

Generaldirektor Felix Krämer: „Wir freuen uns sehr, die Scharf Collection erstmals in großem Umfang zu zeigen. Die gemeinsam mit der Alten Nationalgalerie in Berlin konzipierte Ausstellung , die dort ein großer Publikumserfolg war und von 170.000 Menschen besucht wurde, wird in Düsseldorf um über 60 Werke ergänzt . Darunter sind Arbeiten von Edgar Degas und Henri Matisse sowie japanische Farbholzschnitte aus dem 19. Jahrhundert. Unser herzlicher Dank gilt der Familie Scharf für ihr Vertrauen und die Bereitschaft, diesen Schritt mit uns zu gehen .“

Kuratorin Kathrin DuBois: „Dass eine Privatsammlung über vier Generationen mit so großer Leidenschaft für die Kunst aufgebaut wird, ist bemerkenswert. Aus dem vielfältigen Bestand konnten wir eine Präsentation entwickeln, die sowohl hochkarätige Werke weltbekannter Künstler*innen zeigt als auch Raum für Neuentdeckungen lässt.“


Text und Interview-Zitate: Kunstpalst Düsseldorf, Presse

Weitere Informationen zur Ausstellung finden Sie auf der Zuhause-Seite des Kunstpalastes.

Alle Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs.

SPEICHER II IM RUHR MUSEUM

Interaktives Kunstwerk des Berliner Künstlers Jörg Sasse wird Teil der Dauerausstellung des Ruhr Museums in Essen
Das mobile Depot „SPEICHER II“ mit 512 gerahmten Fotomotiven der 1950er bis 2009er-Jahre, © 2026 Karsten Enderlein

Ich teile an dieser Stelle gerne den Text der Pressestelle des Ruhr Museums, der mir zugänglich wurde bei der Vorabpräsentation für MedienvertreterInnen am 20. Februar 2026:

Besucherinnen und Besucher des Ruhr Museums in Essen entwerfen interaktiv jede Woche eine eigene Ausstellung. Der Berliner Künstler Jörg Sasse (geb. 1962) stellt dem Ruhr Museum für die Dauer von zwei Jahren sein Kunstwerk SPEICHER Il zur Verfügung. Ab sofort ist die Arbeit auf der 17-Meter-Ebene der Dauerausstellung auf dem UNESCO- Welterbe Zollverein zu sehen. Sasse, der von 2003 bis 2007 eine Professur für Dokumentarfotografie an der Folkwang Universität der Künste innehatte, bringt mit SPEICHER Il ein Werk ins Ruhr Museum, das Fotografie, Archiv und Skulptur auf besondere Weise verbindet. Der SPEICHER Il ist nicht nur ein Ausstellungsobjekt, sondern ein Kunstwerk, das durch die aktive Beteiligung der Besucherinnen und Besucher lebendig wird.

Ausstellungsansicht der temporären Präsentation aus dem SPEICHER II, © 2026 Karsten Enderlein

Die Dauerausstellung des Ruhr Museums zeigt auf der 17-Meter-Ebene zeitgenössische Phänomene vor allem in Fotografien. Der SPEICHER Il tritt mit dieser Präsentation in einen offenen Dialog und erweitert sie um eine interaktive Dimension. Der SPEICHER Il ist ein mobiles Depot (Maße 190 x 150 x 90 cm), das von allen vier Seiten zugänglich ist. Dem Prinzip einer digitalen Bilddatenbank folgend ist er quasi ein dreidimensionales, begehbares Fotoarchiv. In ihm sind 512 gerahmte Fotografien aus dem Ruhrgebiet der 1950er- bis 2009er-Jahre untergebracht, welche mithilfe von 56 Kategorien, wie zum Beispiel Alltag, Arbeitsplätze, Bewohner, Innen und Außen, Rituale, Winter, Wohnhäuser oder Zuhause, von den Besucherinnen und Besuchern ausgewählt und kombiniert werden können. Die Fotografien stammen teils aus anonymen Quellen oder fotografischen Nachlässen aus dem Ruhrgebiet, teils [zu fünfzig Prozent] vom Künstler selbst. Aus ursprünglich rund 2.000 Bildern wurde eine Auswahl getroffen und anschließend so bearbeitet, dass sie in ihrer visuellen Erscheinung zusammenwirken.

Die Besucherinnen und Besucher sind eingeladen, das Werk nicht nur zu betrachten, sondern aktiv zu nutzen. Ab sofort spricht das Ruhr Museum jeden Donnerstag um 15.30 Uhr eine „Einladung zum Bilderhängen“ aus. Gemeinsam mit einer Gästeführerin oder einem Gästeführer wählen Besucherinnen und Besucher Fotografien aus dem SPEICHER Il aus. Die ausgewählten Bilder werden aus dem Archiv entnommen, neu kombiniert und zu einer eigenen Präsentation zusammengestellt. Anschließend finden sie ihren Platz an der Wand neben dem SPEICHER II. So entstehen immer wieder überraschende Bilddialoge, neue Perspektiven und unerwartete Zusammenhänge – eine Ausstellung im ständigen Wandel, die sich jede Woche verändert. Kuratiert nicht vom Museum, sondern von den Gästen selbst: gemeinsam, persönlich und immer wieder anders.

Museumsdirektor Prof. Heinrich Theodor Grütter zwischen Jörg Sasse, links, und Stefanie Grebe, © 2026 Karsten Enderlein

Museumsdirektor Prof. Heinrich Theodor Grütter: „Der SPEICHER Il ist für mich ein Bildspeicher der kollektiven Erinnerung des Ruhrgebiets – ein Archiv aus vertrauten Szenen, anonymen Momenten und persönlichen Spuren. Dass dieses Werk nun im Ruhr Museum auf Zollverein steht, an einem Ort, der selbst Teil dieser Geschichte ist, verleiht ihm eine besondere Bedeutung: Hier können Besucherinnen und Besucher ihre eigenen Erinnerungen und Assoziationen aktiv mit den Bildern verbinden und ein Bild des Ruhrgebiets immer wieder neu zusammensetzen.

Jörg Sasse bei der Präsentation vor BildreporterInnen, © 2026 Karsten Enderlein

Jörg Sasse, Künstler: Im SPEICHER Il geht es nicht um eine festgelegte Ausstellung, sondern um Möglichkeiten. Die Bilder lassen sich immer wieder neu auswählen und Kombinieren. Dadurch entstehen neue Blickwinkel auf das Ruhrgebiet, die die eigenen Erfahrungen berühren. Das Werk bleibt in Bewegung, weil jede Entscheidung der Besucherinnen und Besucher eine neue Geschichte sichtbar machen kann.“

Stefanie Grebe, Leiterin der Fotografischen Sammlung des Ruhr Museums: „Der SPEICHER Il ergänzt unsere fotografische Präsentation auf der 17-Meter- Ebene auf besondere Weise: Er ermöglicht sichtbar zu machen, wie vielfältig und wandelbar fotografische Bildkombinationen sind. Dass die Besucherinnen und Besucher – nach der Vorstrukturierung durch den Künstler – selbst auswählen können, eröffnet neue Zugänge – und macht die Wirkung von Fotografien unmittelbar erfahrbar.“

Weitere Informationen zu dem Ausstellungsprojekt erfahren Sie auf der Zuhause-Seite des Museums.

Alle meine Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs.


Im Bois de Boulogne in Paris in einem wirklich heißen Sommer im Juli 1980:

Mittagspause im Park, Paris Juli 1980, © 2026 Karsten Enderlein

Obwohl ich selbst auch noch lange nichts über die revolutionäre Entwicklung der mobilen Telekommunikation wusste, weder InterNet geschweige denn Tablets kannte, empfand ich damals die Begegnung mit dem lesenden Büroangestellten im Park äußerst außergewöhnlich. Häufig bekam man eine solche Szene schon in den Achtzigerjahren nicht mehr in der Öffentlichkeit zu sehen. Erst zwanzig Jahre später wurde mir bewusst – und da erinnerte ich mich an meine Fotografie aus dem Sommer 1980 – welche Bedeutung ein solches Motiv haben konnte: Betriebsärzte und Arbeitsergonomen rieten Arbeitenden, besonders vermeintlich überlasteten, sich vor Stress und drohendem Burnout (ja, zur Zeit der Jahrtausendwende war der Begriff schon längst auch bei uns in Mode) dadurch zu schützen, indem sie sich zur Mittagszeit eine kleine Auszeit vom Büro mit einer arbeitsfernen Ablenkung verschaffen sollten. Ob der Pariser Büroangestellte im Bois de Boulogne seine Mittagspause zur Erhaltung seiner Gesundheit nutzte, oder ob er einfach gern im Park eine anspruchsvolle Literatur genoss, konnte ich damals nicht herausfinden. Mir war die Begegnung dennoch wert, sie zu fotografieren.

Genauso wie das folgende Motiv – und noch jemand in der Mittagspause in Paris:

Mittagspause in La Defense, Paris, Juli 1985, © 2026 Karsten Enderlein

IN THE PICTURE

Porträtfotografie aus der Sammlung Van der Grinten – Ausstellung im Museum Schloss Moyland, noch bis zum 19.04.2026

Ausstellungsansicht Museum Schloss Moyland – IN THE PICTURE – Porträtfotografie, © 2026 Karsten Enderlein

Wer das neugotische Wasserschloss Moyland in der Nähe des niederrheinischen Städtchens Bedburg-Hau ausschließlich mit Joseph Beuys in Verbindung bringt, unterschätzt das abwechslungsreiche und umfängliche Ausstellungsprogramm des Hauses. Klar, die Stiftung Museum Schloss Moyland verfügt über die weltgrößte Sammlung des Werks von Joseph Beuys und ist ein Forschungszentrum von internationalem Rang. Obendrein erstrecken sich rund um das Schloss historische Gartenanlagen, die nicht nur in Sommertagen zu ausschweifenden Spaziergängen einladen. Wir hatten aber am Wochenende einen weiteren Grund an den Niederrhein nach Bedburg zu fahren: eine wunderbar in neun großzügigen Sälen gehängte Fotografie-Ausstellung mit rund 380 zum Teil historischen Fotoabzügen zum Thema Porträts, von denen mehr als 300 erstmals öffentlich zu sehen sind.

Gerne teile ich im Folgenden – im doppleten Sinne des Wortes Bedeutung, inhaltlich und formal – den Text zur Ausstellung auf der Zuhause-Seite des Musuems:

Die Ausstellung fügt sich in den Fotografieschwerpunkt der letzten Jahre, mit besonderem Fokus auf Mode- und Porträtfotografie. Sie lädt dazu ein, in die Vielschichtigkeit der Fotoporträts aus der Museumssammlung einzutreten, von den Anfängen bis zur Gegenwart.

Ausstellungsansicht Museum Schloss Moyland – IN THE PICTURE – Porträtfotografie, © 2026 Karsten Enderlein

Auf der einen Seite stehen die Repräsentationsporträts von 1860 bis in die 1930er Jahre. Sie zeigen Menschen in der Pose ihrer Zeit. Diese Selbstentwürfe zeigen das Bedürfnis des Bürgertums, der führenden gesellschaftlichen Kraft der Zeit, nach Repräsentation im Bild. Diese Bilder sind nicht nur Zeugnisse individueller Identität, sondern zugleich Dokumente gesellschaftlicher Ordnung, Ausdruck von Status und Selbstverständnis. Sie verweisen damit auch auf den gesellschaftlichen Kontext ihrer Entstehung, der sich im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert spürbar verändert. Ihr Wert liegt in der Nähe zur Realität, im Anspruch auf Authentizität, im Charakter des Sichtbaren als Beleg des Gewesenen.


Etwas freier entfalten sich Porträts späterer Jahrzehnte, 1920 bis in die Gegenwart, die den Schritt ins Künstlerische bewusst ergreifen. Hier wird das Gesicht zur Projektionsfläche, das Abbild zur Interpretation. Mit dem Aufkommen neuer künstlerischer Strömungen und Ausdrucksformen entwickelt sich die Fotografie als selbständiges Medium. Kontraste, Form, Licht und Komposition lösen sich vom rein Dokumentarischen und eröffnen ästhetische Räume, in denen Nähe und Entrückung, Intimität und Abstraktion miteinander verschmelzen.

Ausstellungsansicht Museum Schloss Moyland – IN THE PICTURE – Porträtfotografie, © 2026 Karsten Enderlein

In einem Zeitraum von 50 Jahren haben die Brüder van der Grinten die Fotografische Sammlung mit über 15.000 Fotografien zusammengetragen, darunter etwa 1300 Porträtfotos.

Folgende Künstler:innen sind in der Schau u. a. vertreten: Ellen Auerbach, Kirsten Becken, Elina Brotherus, Madame d´Ora, Rudolf Dührkoop, Fritz Getlinger, Wilhelm von Gloeden, Ute Klophaus, El Lissitzky, René Magritte, Willy Maywald, Man Ray, August Sander, Georg Schedele, Nadine Schwickart, Katharina Sieverding, Wols. 

Kuratiert wurde die Präsentation von Reggy Havekes-van Creij.

Museum Schloss Moyland – Treppenhaus im Foyer, © 2026 Karsten Enderlein

Auf der Zuhause-Seite des Museums gibt es weitere umfängliche Informationen zur Ausstellung.

Alle Fotografien meines Rundgangs im Schloss und in der Ausstellung liegen hier in den SCHUBLADEN meines Archivs.

Ich habe mal wieder in den SCHUBLADEN meines digitalen Bildarchivs wühlen müssen, um ein paar passende Gruppenfotos zu meinem jüngsten BLOG-Bildbericht zu finden. Wie immer finde ich dann auch Motive, die ich gar nicht gesucht habe. Vor diesem Hintergrund war im April 2018 in meinem BLOG die Serie „Aus meinen SCHUBLADEN“ entstanden, in der ich meiner Leserschaft alte aber durchaus sehenswerte Bildmotive und ein paar dazugehörende Gedanken nicht vorenthalten wollte. Mein letzter Beitrag war dann im April 2021. Mit dem Vorschaltfoto einer Linhof 9×12 Doppelkassette aus der Zeit analoger Großbildkameras möchte ich die Rubrik zukünftig überschreiben. So zeige ich jetzt in der neuesten Ausgabe dieser Rubrik Bilder aus den Siebziger- und Achtzigerjahren.

Paris 1984, Im Sommer im Jardin du Luxembourg, © 2026 Karsten Enderlein

Schlafender Wohnungsloser in der Essener U-Bahn, 1979, © 2026 Karsten Enderlein

Walker Evans: Man Sleeping on Bench, Brooklyn Bridge, New York City, created between 1928 and 1929, © Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art

Wochenende am Weseler Auesee, Mai 1979, © 2026 Karsten Enderlein

Henri Cartier-Bresson: Am Ufer der Marne, Paris 1938, © Henri Cartier-Bresson / Magnum Photos

MENSCHEN | IN GRUPPEN | IN DER FOTOGRAFIE

Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf zeigt noch bis zum 25. Mai 2026 die Fotografie-Ausstellung COMMUNITY Fotografie und Gemeinschaft
Ausstellungsansicht: „Not me not you“ von Cihan Çakmak, 2024, © 2026 Karsten Enderlein

In den ersten Wochen meiner Ausbildung im Fotografenhandwerk im Jahre 1975 sollte ich ein unvergessliches einschneidendes Erlebnis erfahren: mein Chef, Ausbilder und späterer Mentor und Freund Karl Lang, schickte mich mit Hasselblad, Stativ und Braun-Blitz in die Aula des Clauberg-Gymnasiums in Duisburg-Marxloh. Dort hatten sich fünfzig Mitarbeiter, auch ehemalige, der August-Thyssen-Hütte zur Chorprobe versammelt – in vollem Ornat, weil mein Erscheinen mit Kamera angekündigt war. Ich sollte in der stockdunklen Halle ein Gruppenbild des Thyssenchors machen. Welch eine Herausforderung im vierten Ausbildungsmonat.

Mittelformat-Kamera aufs Stativ zwischen die Sitzreihen gequetscht, in der rechten Hand den Drahtauslöser, in der linken den Braun F 900 [aus dem Privaten Braun-Forum von Jens Gutzeit: Leitzahl: 70, mit Streuscheibe 40, Zusatzlampenstab FZK 900 hat Leitzahl 40 –Gewicht: ca 2,5 kg mit NC-Akku – Stromversorgung: mit Barix-Blei-Akku, mit Sonnenschein Blei-Gel-Akku, mit 7 NC-Zellen und mit Netzteil. Das Netzteil liefert direkt Hochspannung, die Akkus liefern nominell 8,5 V].

MEIN erstes Gruppenfoto, Der Thyssen-Chor in der Aula des Clauberg-Gymnasiums in Duisburg, 08.12.1975, © thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg

Den schweren Handblitz so hoch wie möglich in Richtung Bühne so gehalten, dass auf die vorderen Sitzreihen im Format des Motivs nicht allzu viel Licht kam – und dann die positionierten fünfzig Köpfe im Blick, mit dem hohen Anspruch, dass sich jeder auf dem Foto hinterher wiedererkennt: akut Schweißausbrüche und schlaflose Nacht bis zur Entwicklung des Rollfilms mit acht Belichtungen am folgenden Tag. Mehr Belichtungen waren nicht drin, weil die Herren vom Chor während des Shootings ungeduldig wurden.

MEIN Gesellenstück zum Thema „Familiengruppenfoto“, April 1978, © 2026 Karsten Enderlein

Ausbilder und Kunde waren zufrieden, so startete ich als Spezialist in eine vermeintliche Gruppenfoto-Fotograf-Karriere. Zu meiner Freude und nachhaltigen Zufriedenheit sollte ich im Laufe der weiteren vierzig Jahre im thyssenkrupp-Konzern zahlreiche andere Genre in der werblichen Industriefotografie bedienen können. Gruppenfotos haben mich aber auch im privaten Umfeld bis heute gefordert. Das war der Grund, mich mit Spannung auf die Fotografie-Ausstellung im KUNSTPALAST zu freuen. 270 Werke waren mir in der Einladung zur Vorbesichtigung versprochen.

Dr. Linda Conze bei der Ausstellungsvorbesichtigung vor MedienvertreterInnen, © 2026 Karsten Enderlein

Die Kuratorin Dr. Linda Conze hat mit ihrer Kollegin Miriam Homer neun Themengruppen in den großformatigen Sälen des Museum KUNSTPALAST so konzipiert, dass die Titel schon andeutungsweise vermuten lassen, welche Bildmotive erwartet werden können:

1. Das Gruppenbild als Ritual: „Das sind wir!“, 2. Bildgewordene Gemeinschaft ist veränderbar: „Wer gehört dazu?“, 3. Wenn Nähe Druck erzeugt: Zu eng. Gemeinschaft als Zumutung“, 4. Ein Dorf im Wandel:“ Gemeinschaft begleiten“, 5. Räume der Begegnung und ihr Verschwinden: „Gemeinschaft in Wartestellung“, 6. Wir-Gefühl und Vereinnahmung: „Eins werden“, 7. Sichtbarkeit, Kontrolle, Überwachung: „Eine*r unter vielen“, 8. Gegen die Leerstelle: Black Archive Germany“ und 9. Vernetzt wie nie: „How to get in Touch“.

Meine Patentante feierte ihren Achtzigsten und alle waren dabei, April 2004, © 2026 Karsten Enderlein

Die Familie, der Schwimmverein, das politische Kollektiv: Menschen schließen sich seit jeher zu Gemeinschaften zusammen. Doch Gemeinschaft ist per se nicht sichtbar, vielmehr beschreibt sie ein Gefühl, einen Wunsch und eine Behauptung. Gerade deshalb braucht sie Bilder, um verbindlich zu werden.

Fotografie hält Zugehörigkeit nicht nur fest, sie kann sie ebenso erzeugen, bekräftigen oder infrage stellen. Sie macht sichtbar, dass man Teil von etwas Größerem ist und dient zugleich der Abgrenzung: Wer schafft es in den Bildausschnitt, wer bleibt außen vor? Gerade deshalb braucht sie Bilder, um verbindlich zu werden.

Führungskräfte einer Unternehmensgruppe in der Tagungspause, 20.11.2013 © thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg

Die Ausstellung beleuchtet dieses spannungsreiche Verhältnis in neun thematischen Kapiteln. Angewandte und künstlerische Fotografie treten dabei bewusst in einen Dialog. Ausgehend von der Sammlung des Kunstpalastes und ergänzt durch wichtige Leihgaben zeigt die 270 Werke umfassende Schau erstmals, wie sich Formen des Zusammenlebens und Formen bildlicher Darstellung wechselseitig beeinflussen. Der Bogen spannt sich von Gruppenporträts des 19. Jahrhunderts bis zu digitalen Bildwelten der Gegenwart. Die Ausstellung, die vom 11. Februar bis 25. Mai 2026 im Kunstpalast zu sehen sein wird, beleuchtet das facettenreiche Verhältnis von Fotografie und Gemeinschaft in Geschichte und Gegenwart.

Kaum ein fotografisches Genre eignet sich besser, um Zugehörigkeit zu demonstrieren, als das Gruppenbild. Von der streng komponierten Studioaufnahme des 19. Jahrhunderts bis zum spontanen Group Selfie unterwegs stellen Menschen sich gemeinsam für die Kamera auf. Sie rücken zusammen, ordnen ihre Körper, finden eine Position im Bild. Das gemeinsame Posieren ist ein Ritual, das Verbundenheit ausdrückt. Besonders dann, wenn Fotografien ihren Weg in Alben finden, werden sie zum Anlass, Gemeinschaft zu erzählen, zu erinnern und lebendig zu halten. Historische und zeitgenössische Gruppenporträts belegen: Gemeinschaftliche Fotos spiegeln Beziehungsgefüge nicht nur, sie tragen auch dazu bei, sie zu formen.

Juliane Herrmann im WDR-Interview vor ihrer Videoproduktion aus dem Jahr 2024, © 2026 Karsten Enderlein

Das Gruppenfoto folgt jedoch meist ungeschriebenen Regeln. Wer steht in der Mitte, wer am Rand? Wer erscheint oben, wer unten, wer fehlt im Bild? Fotografien lassen sich bearbeiten, umdeuten und neu zusammensetzen. Gemeinschaft im Bild kann erweitert, aufgekündigt oder aus dem Nichts erzeugt werden. Wenn am Gruppenfoto „herumgebastelt“ wird, zeigt sich besonders klar, dass Gemeinschaft immer gleichzeitig Einschluss und Ausschluss bedeutet. Eingriffe können emotional, zweckmäßig oder politisch motiviert sein und sie reichen von kaum wahrnehmbar bis deutlich konfrontativ.

Gruppenfoto mit Selbstbeteiligung und Selbstauslöser (3. v.l.), Divrigi 13.10.1980, © thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg

Aus meiner Erfahrung als Fotograf, aber auch bestätigt durch zahlreiche der ausgestellten Motive im Museum, sehe ich ein Gruppenfoto als Inszenierung. Ob Auftragsarbeit oder freies Thema, der Autor/die Autorin zeichnet verantwortlich für die Konstellation der Gruppe, den Bildauschnitt, den Hintergrund, wer ist in der Mitte, wer im Vordergrund. Und so ist jedes Gruppenbild auch immer ein Indiz für den Anspruch des/der Fotografierenden.

Ausstellungsansicht mit Motiven aus Neal Slavins Serie „When Two or More Are Gathered Together“ 1972-1975, © 2026 Karsten Enderlein

Fotografie kann Menschen in der Menge verschmelzen lassen, sie kann aber auch Einzelne herauslösen und ihnen besondere Sichtbarkeit verleihen. Zoom, Markierungen oder Technologien der Gesichtserkennung lenken den Blick auf Individuen. Oft braucht es ein einzelnes Gesicht, damit sich Vorstellungen von Gemeinschaft verdichten. Indem Massen visuell aufgespalten werden, lassen sich soziale Strukturen untersuchen und vermeintliche Einigkeit hinterfragen. Zugleich kann diese Auswahl der Überwachung dienen und Anonymität aufheben.

Meine Beschützer? Im Irak, 14.05.1984, © thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg

Ich halte die heute weit verbreitete Angewohnheit der Selfie-Fotografie für die individuelle Fortführung der Gruppenfotografie, bei der die ProtagonistInnen ihren Anspruch formulieren, hier, da, dort oder dann dabei gewesen zu sein. Was früher durch Teilnahme auf dem Gruppenportrait bestätigt wurde, wird heute eben mit ihrem Selfie dokumentiert. Da bleibt die Frage nach der Archivierung von gemeinschaftlichen Bildmotiven für die Zukunft zunächst unbeantwortet, da die zeitgenössische Visualisierung dieses Genres zumeist in privaten Cloud-Speichern landet. Das Sammeln von fotografischen Gemeinschaftsmotiven sollte sich dann nicht nur auf Museen und Sammlungsinstitutionen beschränken. Als Fotograf kann ich bestenfalls auch dazu beitragen, dieses außergewöhnliche fotografische Genre für die Nachwelt zu erhalten.

Text von Karsten Enderlein und der Pressestelle des MUSEUM KUNSTPALAST.

Detailinformationen zu der Fotografie-Ausstellung im KUNSTPALAST finden Sie auf seiner Zuhause-Seite.

Alle Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung sind in den SCHUBLADEN meines Archivs zu finden.

KUNSTMUSEUM MÜLHEIM AN DER RUHR

Seit 1994 residiert das Kunstmuseum im denkmalgeschützten Gebäude der ehemaligen Hauptpost im Zentrum Mülheims in unmittelbarer Nachbarschaft des Medienhauses. Foto: © 2026 Karsten Enderlein

Ich brauche weder ein Faible für Gemälde von Franz Marc, August Macke, Erich Heckel und Alexej Jawlensky, noch eine Leidenschaft für Fotografien von Albert Renger-Patzsch, Hugo Schmölz und Evelyn Serwotke. Mich muss auch nicht das einhundert jährige Jubiläum der Stadthalle Mülheim interessieren. Ich brauche nicht einmal eine Begeisterungsfähigkeit für großartige Architektur aus dem Jahr 1897, mit einer prachtvollen Fassade mit Stilelementen der Spätgotik und Renaissance, hinter der sich die Verwaltungsräume der Postbeamten, die Telegrafie- und Fernsprechstelle sowie eine Dienstwohnung für den Amtsvorsteher befanden. Ich brauche lediglich eine Portion Neugier, warum die vorgenannten Künstler, FotografInnen und Gebäude unmittelbar im Zusammenhang stehen. Um diese Neugier umfänglich zu befriedigen, reicht ein Besuch im KUNSTMUSEM MÜLHEIM:

In den großzügigen Museumsräumen der ehemaligen Hauptpost finden in den nächsten Monaten zwei hoch informative Präsentationen statt: IM GARTEN DER KUNST – MARC, MACKE, HECKEL, JAWLENSKY, die Sammlung Karl und Maria Ziegler (Teil 2) und 100 JAHRE STADTHALLE MÜLHEIM. MODERNE IM WANDEL, Fotografien von Albert Renger-Patzsch, Hugo Schmölz, Evelyn Serwotke.

Dr. Stefanie Zanon, Museumsleitumg, präsentiert die aktuellen Ausstellungen, Foto: © 2026 Karsten Enderlein

Im 1. Obergeschoss des Kunstmuseums entsteht durch eigens angebrachte Tapeten, arrangierte Fotografien und historische Möbel eine stimmige Ausstellungskulisse, in der die musealen Bilder ihre private Herkunft lebendig vor Augen führen. Das leuchtende Kolorit der Bilder erinnert daran, wie sich der liebevoll gestaltete Garten im Wohnbereich farbenprächtig fortsetzte. „Im Garten der Kunst“ schlägt eine gedankliche Brücke zwischen Kunst- und Naturerleben und eröffnet einen sinnlichen Zugang – sowohl zur Sammlung selbst als auch zur persönlichen Motivation des Sammelns.

Ausstellungsansicht im 1. OG des Museums, Foto: © 2026 Karsten Enderlein

Dr. Michael Kuhlemann, Kurator der Stiftung Ziegler, erläutert die Exponate der Sammlung Ziegler zur Ausstellung Im Garten der Kunst, Foto: © 2026 Karsten Enderlein

Dr. Jörg Schmitz, Leiter Camera Obscura, zeichnet verantwortlich für die Präsentation der Fotografien „100 Jahre STADTHALLE MÜLHEIM“, Foto: © 2026 Karsten Enderlein

Die Wirkung der Stadthalle Mülheim ist von starken Kontrasten geprägt: Außen dominiert baulich der Renaissance-Stil, der der Stadt Mülheim den Titel „Ruhrvenedig“ beschert. Im Gegensatz zur Fassade überraschte das Innere mit radikaler Moderne. Der Architekt Emil Fahrenkamp nutzte knallige Farben, edlen Marmor und den avantgardistischen Art-DécoStil zur Gestaltung der Innenräume. Sein spektakuläres Design setzte neue Maßstäbe und prägte die Gestaltung nachfolgender Baustile in Mülheim wie beispielsweise an den Säulen im Foyer der damaligen Hauptpost (jetzt Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr) zu sehen ist. Einige der dort verwendeten Elemente realisierte Emil Fahrenkamp gemeinsam mit dem Schweizer Künstler Paul Speck, ab 1924 Leiter der baukeramischen Abteilung der Großherzoglichen Majolika-Manufaktur Karlsruhe.

Namhafte FotografInnen haben die Errichtung des Baus, die Umbauten sowie die Innenräume in verschiedenen Zeiten und Bauphasen dokumentiert und inszeniert. Die Ausstellung zeigt Fotografien von Albert Renger-Patzsch, Hugo Schmölz, Evelyn Serwotke, die im Auftrag der Stadt aufgenommen wurden.

Michael Birr, Geschäftsführer Mülheimer Stadtmarketing und Tourismus GmbH (MST), Foto: © 2026 Karsten Enderlein

Die Ausstellung wird von Dr. Jörg Schmitz (Leiter der Camera Obscura, Mülheim an der Ruhr) kuratiert und ist eine Kooperation zwischen der Mülheimer Stadtmarketing und Tourismus GmbH (MST) und dem Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr. Die Ausstellung wird im Kunstmuseum Mülheim an der Ruhr, im Grafikraum (1. Obergeschoss) präsentiert.


Ausstellungsansicht zum Zeitpunkt der Vorbesichtigung mit JournalistInnen, Foto: © 2026 Karsten Enderlein

Nach dem Besuch der Ausstellungen in Mülheim ist meine Neugier umfänglich befriedigt. Interessant ist es, wie häufig komplexe Verhältnisse im Zusammenhang stehen – in unserer Kultur im Allgemeinen und in der Kunst im Besonderen. Ich kann Beziehungen in den unterschiedlichsten Genres entdecken, Wechselbeziehungen, Berührungspunkte, Ähnlichkeiten, Übereinstimmungen. Die Neugier darauf, wie alles irgendwie zusammenhängen kann, bringt mich in meiner Arbeit als Fotokünstler/Fotograf immer wieder ein Stück voran, und es hilft, meine Ideen fotografisch zu verwirklichen.

Die Institution Museum ist nicht nur dafür geschaffen, unsere Faibles und Leidenschaften zu bedienen und vorhandene Expertisen zu verdichten, sondern auch, uns allgemein anzuschlauen, kulturelle Eigenschaften besser zu begreifen. Das KUNSTMUSEUM MÜLHEIM leistet zu dieser Erkenntnis einen attraktiven Beitrag.

Text: Karsten Enderlein und Pressestelle KUNSTMUSEUM MÜLHEIM a.d.Ruhr

Die Eröffnung der Ausstellungen findet am 7. Februar 2026 um 17 Uhr statt.

Umfängliche Informationen zu den Ausstellungen finden Sie auf der Zuhause-Seite des KUNSTMUSEUM MÜLHEIM a.d. Ruhr.

Alle Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung sind hier in den SCHUBLADEN meines Archivs zu sehen.

GRUND UND BODEN

WIE WIR MITEINANDER LEBEN – Ausstellung der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen im K21 Düsseldorf, bis zum 19. April 2026

Der japanische Künstler SHIMABUKU hinter seiner Installation „Bettfrieden“, zwei Figuren aus Erde von zwei Seiten des Rheins und steinernen Köpfen

Aus der Pressemappe anl. der Ausstellungsvorbesichtigung am 27. Oktober 2025:

Wohnen, Besitzen, Bewahren und Teilen – eine Ausstellung im K21 widmet sich der Frage, wie gerechtes Zusammenleben heute möglich ist.
Mit Werken von: Havîn Al-Sîndy, Maria Thereza Alves, Asche Lützerathi (otherhosted by Sybling – JP Raether & Sarah Friend), Joseph Beuys, AA Bronson, Johannes Büttner, Cercle d’Art des Travailleurs de Plantation Congolaise (Künstlerinnenbund Kongolesischer Plantagenarbeiterinnen, CATPC), Liu Chuang, Simon Denny, Jan Dibbets, Nir Evron, Simone Fattal, Ximena Garrido-Lecca, Jef Geys, Robert Gober, Dor Guez, Andreas Gursky, Christopher Kulendran Thomas, Mierle Laderman Ukeles, Richard Long, Boris Mikhailov, Gordon Matta-Clark, Lutz Mommartz, Grace Ndiritu, Simone Nieweg, Chris Reinecke, Ugo Rondinone, Thomas Ruff, Lin May Saeed, Shimabuku, terra0, Ron Tran, Franz West, Alex Wissel

Die Ausstellung Grund und Boden. Wie wir miteinander leben im K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen handelt vom menschlichen Zusammenleben: von Krieg, Vertreibung, Flucht und der Zerstörung der Natur, aber auch von Wiederaufbau und Regeneration, vom Wohnen, Pflanzen, Besitzen und Teilen. Sie lädt ein, Visionen für eine gerechte und nachhaltige Zukunft zu entwerfen. Die Ausstellung erstreckt sich über das gesamte K21 sowie den angrenzenden Ständehauspark und nimmt auch den Boden, auf dem das Museum steht – geografisch wie historisch – in den Blick. Ausgehend von der Parlamentsvergangenheit des Hauses, thematisieren 34 internationale Künstlerinnen und Kollektive unterschiedliche Formen der Verwaltung von Ressourcen – von indigenen Wirtschaftsweisen über kollektives Eigentum bis hin zu utopischen Blockchain-Projekten. Erde, Kohle, Lotusseide, Piniennadeln, Schokolade: Die Ausstellung geht in Material und Form ans Elementare. Sie spricht die Sinne ebenso an wie den Geist. Grund und Boden führt nach Brasilien, Korea, den Kongo, Japan, die USA, China, Peru, Vietnam, den Irak, Sri Lanka, den Nahen Osten und zurück nach Deutschland. Sie spürt den Fantasien libertärer Pionierinnen nach, die ihre eigenen Staaten gründen oder den Mars erobern möchten. Und sie blickt auf eine wichtige Grundlage des industriellen Wohlstands im Rheinland, die Kohle: Gleich mehrere Werke beschäftigen sich mit der Geschichte des Kohlebergbaus. Am letzten Tag führt eine Performance von Asche Lützerathi (umsorgt von JP Raether) nach Hambach, dem größten Braunkohletagebau Europas.

Leitender Kurator K21 Kolja Reichert vor einem Teil der Arbeit „Das Alphabet meiner Mütter und Väter“ von Ugo Rondinone


Selbstverwaltung: Freiheit vor 500 Jahren und heute
Im Zentrum steht die Frage der Selbstverwaltung. Vor 500 Jahren, zu Beginn des Buchdrucks und des Finanzkapitalismus, standen deutsche Bauern gegen Privatisierung und ein immer undurchsichtigeres Geflecht aus Pflichten und Abgaben auf. Alex Wissel befragt das Erbe des deutschen Bauernkriegs in Wandzeichnungen von Bauernprotesten damals und heute. Unter der Glaskuppel des K21 präsentiert Ugo Rondinone hunderte
vergoldete Werkzeuge, die im 19. Jahrhundert von Einwanderer*innen in New York geschnitzt und geschmiedet wurden. Nebenan erläutern in einer Videoinstallation von Maria Thereza Alves indigene Agroforst-Agentinnen, wie sie ohne Unterstützung der brasilianischen Regierung ein Waldgebiet im Amazonas von der Größe Brandenburgs verwalten. Ihre Methoden zeigen, wie Wachstum für alle Lebewesen möglich ist, wenn die Synergien der Natur genutzt werden. Grace Ndiritu lässt die Natur in einem Protestzug aus Tier- und Pflanzenkostümen auftreten. Teppiche zeigen historische Demonstrationen für Land- und für Frauenrechte. Meditationskissen reihen sich um die Abbildung eines Treffens der Artist Placement Group (1966–1989) mit Vertreterinnen aus Düsseldorfer Wirtschaft und Verwaltung 1971 in der Düsseldorfer Kunsthalle.


Ebenfalls in Düsseldorf besetzten im selben Jahr Chris Reinecke und Lutz Mommartz den Gustaf-Gründgens-Platz vor dem Schauspielhaus und demonstrierten gegen von den Politik tolerierten Mietwucher. Mommartz‘ Film „Mietersolidarität“ zeigt eine Ansprache Reineckes gegen Spekulation mit „Grund und Boden“. Neben Reineckes Protestplakaten für die „Mietersolidarität“ werden auch ihre satirischen Entwürfe für selbstgebaute Siedlungen und Beete im Hofgarten gezeigt, der 1769 als erster öffentliche Park Deutschlands eröffnete. Im Ständehauspark wiederum, gegenüber dem K21, baut Havîn Al-Sîndy einen Raum des Lehmhauses neu auf, in dem sie in den Kurdischen Autonomiegebieten im Irak aufwuchs. Lehmhäuser sind eine der ältesten und meistverbreiteten Bauweisen. Sie sind buchstäblich aus dem Boden gebaut, auf dem sie stehen. Ximena Garrido-Lecca verwandelt indes basale Elemente von Hütten, wie sie seit den 1950er Jahren von Binnenflüchtlingen an Perus Küste errichtet wurden, in Skulpturen aus Kupfer – dem Rohstoff, dessen Abbau die Andenbevölkerung verarmen ließ.


Auch Liu Chuang blickt in seiner Dreikanal-Videoinstallation in die Berge, allerdings nach Südostasien, wo Bergvölker nach Jahrtausenden ihre Autonomie verlieren. Chuang vergleicht Bergvölker mit Blockchain-Minerinnen, die auf der Suche nach günstiger Energie mit den Jahreszeiten über das Land ziehen wie Zugvögel. Die Utopie einer Selbstverwaltung ohne Nationalstaat wird auch in einer saalfüllenden Videoinstallation von Christopher Kulendran Thomas entworfen. Angehörige der tamilischen Diaspora fragen hier nach dem Erbe des 2009 niedergeschlagenen tamilischen Unabhängigkeitskriegs in Sri Lanka und nach Alternativen zu den von Identitätsfragen geprägten Konflikten der Gegenwart.

Auf einer ehemaligen Palmölplantage des Unilever-Konzerns im Kongo wird die Utopie der Selbstverwaltung wahr: Hier arbeiten die Autodidaktinnen des Künstlerinnenbundes Kongolesischer Plantagenarbeiterinnen (CATPC) in Skulpturen aus Lehm das Erbe des Kolonialismus auf. Die Skulpturen werden 3D-gescannt, in Schokolade gegossen und auf dem Kunstmarkt verkauft. Vom Erlös haben CATPC bislang 20 Hektar Land renaturiert und ein lokales Museum gebaut. 2024 bespielten CATPC den Pavillon der Niederlande auf der Kunstbiennale von Venedig. Infolge des ersten digitalen Restitutionsversuchs via Blockchain erreichten CATPC die Ausleihe einer Holzfigur der Pende, die 1931 im Zusammenhang mit einem Aufstand gegen belgische Kolonialgewalt in ihrer Nähe entstand, aus dem Kunstmuseum Richmond, Virginia. Die Figur zeigt einen belgischen Offizier und ist ebenfalls in Grund und Boden ausgestellt. In einer handgezeichneten Karte liefern CATPC ein globales Bild von Ausbeutung und Warenströmen.

Annika Schank, Leitung Bildung Kunstsammlung NRW, neben dem Leitenden Kurator Kolja Reichert, Direktorin Susanne Gaensheimer und Janina Stanton-Mohr, Deutsche Postcode Lotterie (v.r.n.l.) vor MedienvertreterInnen

Eine Bilanz von Blockchain in der Kunst

Blockchain-Technologie spielt in vielen Werken eine Rolle. Grund und Boden ist auch eine Bilanz dieser wichtigen Tendenz in der Kunst der letzten 15 Jahre. Es wird deutlich, dass Blockchain zwar neue Ideen kollektiven Eigentums und dezentraler Verwaltung von Gütern hervorbrachte, für deren Realisierung aber inzwischen meist wieder auf staatliche Strukturen zurückgegriffen wird. terra0 etwa verwalten ein Waldbiotop in Brandenburg via Blockchain und deutschem Vereinsrecht und leisteten dafür in Abstimmung mit dem Finanzamt rechtliche Pionierarbeit. Sarah Friend und JP Raether entwerfen mit Sybling eine Sorgegemeinschaft aus Vereinen und GmbHs, die individuelles Eigentum überwinden soll. Simon Denny übersetzt digitale Grundstücksangebote in Metaversen in Landschaftsmalerei. Und Johannes Büttner reist mit der Kamera nach Liberland, einem selbsterklärten Kryptostaat zwischen Serbien und Kroatien, der für 10.000 US-Dollar in Bitcoin einen Pass und ein Stück Land ausgibt. Hier stößt Büttner auf Vereinnahmungen des Freiheitsbegriffs in libertärem Denken, wie es sich in der Krypto-Szene, im Silicon Valley und zuletzt in Regierungen in Argentinien oder den USA breitmacht: Hier bedeutet Freiheit, die Märkte vom Staat zu befreien, auch mit autoritären Mitteln. In einem Gespräch im Katalog vergleichen Büttner, Alex Wissel und die Historikerin Lyndal Roper von der Universität Oxford Freiheitsbegriffe und apokalyptisches Denken zur Zeit des Bauernkriegs und heute.

Kriege damals und heute

Die damals neue Gewaltdimension der Glaubenskriege im 16. Jahrhundert stellte Pieter Brueghel d.Ä. im „Triumph des Todes“ dar, in dem Skelette Menschen jagen. Ein Ausschnitt ist auf einer zwanzig Meter breiten Leinwand nachgemalt, die über der Piazza des K21 hängt. Sie stammt aus Alex Wissels Bühnenbild für die Götz von Berlichingen-Interpretation Eisenfaust des Regisseurs Jan Bonny am Schauspiel Köln (2025) und vervollständigt die oben genannten Wandzeichnungen. Die Szene lässt an heutige Kriege und Terrorangriffe denken. Dor Guez zeigt ein gepresstes Exemplar der Malvensorte Khobiza, die an der Levante wächst und wegen ihres hohen Nährstoffgehalts während Hungersnöten gegessen wird, wie aktuell von Guez‘ Verwandten in Gaza. Boris Mikhailovs Fotografien zeigen die sozialen Verwerfungen in der Ukraine nach der Unabhängigkeit. Und in einem neuen Film von Nir Evron erinnert sich der Boden selbst an die nationalsozialistische Kriegswirtschaft und ihre Experimente mit Ersatzstoffen aus Kohle und dem kasachischen Löwenzahn unter Zwangsarbeit. In alldem strahlen Lin May Saeeds Darstellung der Sieben Schläfer von Ephesos, die von Gott in einen zweihundertjährigen Schlaf versetzt wurden um sie vor der römischen Christenverfolgung zu schützen, eine tiefe Ruhe und Geduld aus. Noch dazu sind hier Tiere und Menschen Teil einer gleichwertigen Gemeinschaft.


Das K21 und seine Geschichte als Volksvertretung

Die Ausstellung überbrückt weitentfernte Lebensrealitäten und verortet sich zugleich bewusst in der Düsseldorfer Wirtschafts- und Kunstgeschichte, mit Künstler*innen wie Havîn Al-Sîndy, Joseph Beuys, Andreas Gursky, Simone Nieweg, Chris Reinecke, Thomas Ruff und Alex Wissel. Sie verortet sich auch bewusst im Ort, an dem sie stattfindet. Das ehemalige Ständehaus am Kaiserteich war das erste gebaute Parlamentsgebäude im Rheinland. Seine historistische Neo-Renaissance-Architektur greift Elemente von vor 500 Jahren auf, der Zeit des Bauernkriegs und der Ausbildung der heutigen Wissens- und Wirtschaftsordnung. 1876 bis 1880 nach Plänen des späteren Berliner Dombaumeisters Julius Raschdorff erbaut, diente das Ständehaus als preußischer Provinziallandtag, in dem
die Ständevertreter regionale Fragen berieten. Von 1949 bis 1988 hatte hier der nordrheinwestfälische Landtag seinen Sitz. 2002 eröffnete das Haus grundsaniert und mit seiner ikonischen Glaskuppel als Museum für internationale Gegenwartskunst der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Es dient zugleich weiterhin als
Repräsentationsgebäude für die Landesregierung.

    Viel Raum für und zwischen zwei Arbeiten Düsseldorfer FotokünstlerInnen: „Kohlfeld“ von Simone Nieweg (links) und „Lützerath, 2023“ von Andreas Gursky

    Alle Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs.

    Alle Informationen zu der Ausstellung finden Sie auf der Zuhause-Seite der Kunstsammlung K21.

    KOLUMBARIUM RHEINKIRCHE DUISBURG-HOMBERG

    FOTOGRAFIEAUSSTELLUNG MIT SVEN KIERST – PLACE TO BE

    Kunstfotografie in der Ruhestätte der besonderen Art

    Die malerische Ästhetik der Fotografien des Düsseldorfer Fotokünstlers Sven Kierst (*1958 in Düsseldorf) müßigten einen Besucher zur Frage, warum er nicht Maler geworden wäre. Darauf antwortete Kierst mit der Kurzbiografie seines Schaffens, in der er seine Nähe zum Medium Fotografie als technisch begreiflicher und nachhaltiger beschrieb. Als Kameramann und Nutznießer der aufregenden Düsseldorfer Musik-, Film- und Kunstszene der Siebzigerjahre suchte er mit der Fotokamera schnell den Weg in die Abstraktion visueller Wirklichkeit. Diesen Anspruch seines Stils perfektionierte er bis heute zu den stark linienorientierten grafischen Bildtafeln, die Betrachtenden viel Raum zur eigenen Interpretation und zum phantasievollen Weiterdenken anregen.

    Sven Kierst und Stefan Schuster (Leiter Kolumbarium und Ausstellungsinitiator) beim Künstlergespräch unter „Place To Be“ von 2019

    Der Leiter Kolumbarium Stefan Schuster hat mit viel Engagement und Feingefühl zahlreiche Veranstaltungen in der Rheinkirche verantwortet. Seine Initiative, Sven Kierst mit einigen seiner Arbeiten nach Homberg zu holen, war eine gute Idee. Schuster festigt damit seinen Anspruch, das Kolumbarium zu einem lebendigen, berührenden und sinnstiftenden Ort zu machen. Das ist ihm mit der jüngst initiierten Ausstellung wiedermal gelungen.

    Die abstrakten Bildmotive von Sven Kierst werden im Kirchenraum des Kolumbariums zu „Fensterbildern“.

    Fenster in Kirchen und Kathedralen sind nicht nur architektonische Elemente für den notwendigen Tageslichteinfall in sakralen Räumen, nicht immer nur Kunstwerke und Touristenattraktionen zeitgenössischer Künstler wie Kiefer, Richter, Lüpertz, Scully oder Elíasson. Der sonnige Lichteinfall durch teilweise farbige Fenster, der sich am Boden der Kirche nachzeichnet und sich dort sekündlich verändert, erinnert und mahnt an die Endlichkeit jeglichen Lebens. Die-Zeit-vergehen sehen macht uns bewusst, dass es Zeit werden kann, Abschied zu nehmen. Das Kolumbarium in Duisburg-Homberg bietet hierfür ausreichend Raum. Kierst’s Fotografien passen sehr gut in diese Atmosphäre. Seine abstrakten Bildmotive aus Licht, welches farbige Flächen und Linien entstehen lässt, unterstreichen die Wirkung der Kirchenfenster und werden teilweise so zu „Fensterbildern“.

    Mehr über Sven Kierst auf seiner Zuhause-Seite. Informationen zum Kolumbarium Rheinkirche hier.

    Alle Bilder der Ausstellungseröffnung in den SCHUBLADEN meines Archivs.


    Alle Fotografien: © 2025 Karsten Enderlein

    WIE MAN LEBT – WO MAN LEBT.

    Dokumentarfotografien von Brigitte Kraemer im Ruhr Museum, Essen – noch bis zum 31.08.2026

    Die Fotografin Brigitte Kraemer neben „Am Rhein-Herne-Kanal 2010“, © 2025 Karsten Enderlein

    Brigitte Kraemer (*09.01.1954 in Hamm) selbst sagt, der Weg von Hamm nach Herne sei nicht weit gewesen. Und dass sie in Herne bis heute geblieben ist, merkt man nicht nur an ihrem Ruhrgebietsdialekt, sondern auch an den rund 200 jetzt im Ruhr Museum präsentierten Fotografien: eine visuelle Bestandsaufnahme typischen Revierlebens mit all seinen Facetten aus viereinhalb Jahrzehnten.

    Brigitte Kraemer erläutert ihre Arbeitsweise vor ihrer „Frauenhaus“-Serie , © 2025 Karsten Enderlein

    1982 schloss sie nach ihrem Studium der Visuellen Kommunikation an der Universität Essen mit einem Semester Fotografie – genauer gesagt Bildjournalistik bei Angela Neuke – ihre Ausbildung ab. Das war die Initialzündung für Brigitte Kraemer, sich fortan als freie Fotografien zu befleißigen. Neben Auftragsarbeiten für verschiedene Verlage arbeitet sie bis heute freie Themen. Da sie, wie sie selber betont, mit offenen Augen durchs Leben geht, mangelt es ihr nicht an Impulsen für fotografische Projekte. Die Titel ihrer Fotoreportagen und ihrer teilweise im Selbstverlag erschienen Fotobücher beschreiben scharf ihre Interessensgebiete: „Frauenhaus – Acht Frauen erzählen“ • „Was fehlt, ist einfach Liebe“ – über obdachlose Mädchen • „Die Droge der Armen“ (Lösungsmittelschnüffler in Berlin-Kreuzberg) • „Pommesbuden im Ruhrgebiet“ • „Der Mann und sein Auto“ • Türkische Gärten im Ruhrgebiet“ • „So nah – so fern“ über Migration im Ruhrgebiet • „Die Hindus von Hamm“ • „Friedensengel“ über das Friedensdorf • „Die Bude“ • „Im guten Glauben“ über Religionsgemeinschaften im Ruhrgebiet • „Frauenhaus Herne“ • „Gott im Pott“ • „An der Schwelle. Leben im Frauenhaus“ • „Das große Warten. Flüchtlinge in Deutschland“ • „Mallorca – eine Insel zwei Gesichter“ • „Ein Stück Heimat. Türkische Gärten im Ruhrgebiet“ • „Camper an Lippe, Rhein und Ruhr“ • „Tango ist eine Diva, die manchmal weint“ • „Gambia – ein kleines Land im großen Afrika“ • „KleinGartenLand. Der deutsche Schrebergarten wird international“ • Angekommen. Neue Heimat Deutschland?“ • „An der Ruhr“ • „Wasserwege“ • und jüngst in Vorbereitung: „Kirmes auf Crange“.

    Im Interview mit dem Fotokünstler Stefan Dolfen im August 2025 gesteht Brigitte Kraemer bescheiden: „Wenn eine gute Situation entsteht, ohne dass ich etwas dazu beitrage, fotografiere ich. Das ist es, was mich an der Fotografie interessiert. Ich inszeniere nicht, das kann ich auch überhaupt nicht. Wenn die Komposition aus der Situation heraus perfekt ist, bin ich begeistert. Dann erzählt das Bild eine eigene Geschichte.“

    v.l. Dr. Thomas Dupke (Kurator), Prof. Heinrich Theodor Grütter (Direktor), Brigitte Kraemer (Fotografin), Stefanie Grebe (ltd. Kuratorin), Giulia Cramm (Kuratorin), © 2025 Karsten Enderlein


    Aus dem Pressetext des Ruhr Museums: Seit den 1980er-Jahren dokumentiert die Fotografin Brigitte Kraemer das Leben im Ruhrgebiet. Die neue Sonderausstellung des Ruhr Museums „Wie man lebt -wo man lebt. Dokumentarfotografien von Brigitte Kraemer“ zeigt rund 200 Fotografien Kraemers aus über 40 Jahren: von Menschen aus dem Revier, in der Freizeit und im Alltag, aber auch in schwierigen Lebenslagen. Alle Fotografien sind geprägt von Brigitte Kraemers unverwechselbarem Stil, der nah und unverstellt ist und von einem ganz besonderen Einfühlungsvermögen zu den Fotografierten zeugt.
    Mit der Ausstellung präsentiert das Ruhr Museum die dritte und vorerst letzte Schau zu den bedeutenden Fotografinnen des Ruhrgebiets. Nach Marga Kingler und Ruth Hallensleben rückt nun Brigitte Kraemer in den Fokus, deren Werk mit Unterstützung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung 2022 als Vorlass in das Fotoarchiv des Museums aufgenommen wurde – eine der größten Erweiterungen der Fotografischen Sammlung in der Geschichte des Hauses.
    Museumsdirektor Prof. Heinrich Theodor Grütter: „Brigitte Kraemer hat den „Ruhri“, den Typus des Ruhrgebietsmenschen fotografisch geschaffen. Sie hat wie kaum eine andere Fotografin die Lebensfreude, aber auch die Herausforderungen der Menschen im Ruhrgebiet über Jahrzehnte im Bild festgehalten. Dass dieses einzigartige Sozialdokument in der Obhut des Ruhr Museums ist, ist ein großer Gewinn – für die Sammlung und für die Region.“

    Alle meine Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs.

    Weitere Detailinformationen zur Ausstellung finden Sie auf der Zuhause-Seite des Ruhr Museums, Essen.

    KÜNSTLERINNEN!

    Von Monjé bis Münter – Ausstellung der Künstlerinnen des 19. Jahrhunderts im Kunstpalst Düsseldorf bis zum 1. Februar 2026


    Dem Pressetext des Kunstpalst ist folgende Notiz zu entnehmen: Sie kämpften für ihre Ausbildung, für Anerkennung und Sichtbarkeit – und verschwanden dennoch fast vollständig aus der Geschichtsschreibung: Mit der Ausstellung Künstlerinnen! Von Monje bis Münter holt der Kunstpalast über 30 Künstlerinnen zurück ins Licht der Öffentlichkeit. Die Schau gibt Einblick in rund 100 Jahre weiblichen Kunstschaffens in Düsseldorf – einer Stadt, die im 19. Jahrhundert wichtiger Anlaufpunkt für Künstlerinnen aus ganz Europa war, obwohl ihnen die Türen der Kunstakademie verschlossen waren. Die große Sonderausstellung widmet sich – anschließend an ein mehrjähriges Forschungsprojekt – erstmals umfassend den Lebenswegen und Werken jener Frauen, die in dieser Zeit in Düsseldorf künstlerisch tätig waren: Eine (Wieder) Entdeckung, die ein Kapitel der Kunstgeschichte neu schreibt.

    Die Kuratorin und Leiterin des Forschungsprojektes Kathrin DuBois (Foto oben) über den lange überfälligen Perspektivwechsel: „Wir wollten wissen: Welche Frauen waren hier wann aktiv? Wer waren sie und was können wir über ihren Weg in die Kunst herausfinden? Es gab so viele spannende Künstlerinnen, die es wert sind, Beachtung zu finden.“

    Ausstellungsansicht „KÜNSTLERINNEN!“ Kunstpalast Düsseldorf, © 2025 Karsten Enderlein

    Ausstellungsansicht „KÜNSTLERINNEN!“, Milly Steger – „Jephtas Tochter“, 1919/22, Kunstpalast Düsseldorf, © 2025 Karsten Enderlein

    In der Ausstellung vertretene Künstlerinnen: Victoria Åberg I Amalie Bensinger I Fanny Churberg I Mathilde Dietrichson I Alma Erdmann I Ilna Ewers-Wunderwald I Alexandra Frosterus-Såltin I Marta Hegemann I Minna Heeren I Adeline Jaeger I Elisabeth Jerichau-Baumann I Marga Klinckenberg I Benita Koch-Otte I Magda Kröner I Gertrud von Kunowski I Marie Laurencin I Emmy Lischke I Amalia Lindegren I Luise von Martens I Paula Monjé I Gabriele Münter I Emilie Preyer I Sophie Ribbing I Julia Schily-Koppers I Christiane Schreiber I Martel Schwichtenberg I Alwine Schroedters I Hermine Stilke I Milly Steger I Emma Volck I Marie Wiegmann

    Alle meine Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung liegen in den SCHUBLADEN meines Archivs.

    Detailinformationen der Ausstellung im Kunstpalast Düsseldorf sind auf seiner Zuhause-Seite zu finden.

    HANS-PETER FELDMANN – KUNSTAUSSTELLUNG

    Retrospektive des Konzeptkünstlers im Kunstpalast Düsseldorf, noch bis zum 11. Januar 2026

    Vor dem Kunstpalast in Düsseldorf: Ist das Kunst, oder ein Fall für den Staatsschutz? © 2025 Karsten Enderlein

    Was ist Kunst? Wo fängt Kunst an, wo hört sie auf? Wer bestimmt, was Kunst ist? Was macht einen Künstler, eine Künstlerin aus? Hans-Peter Feldmann (* 17. Januar 1941 in Hilden; † 26. Mai 2023 in Düsseldorf), dem exzentrischen aber immer bescheidenen Düsseldorfer, unterstellt niemand, diese Frage wörtlich formuliert zu haben. Ohnedies gab er ungefragt Antworten: jetzt etwa mit 80 Arbeiten in der gezeigten Retrospektive seines Schaffens. Er regt somit Betrachtende an, über Kunst nachzudenken. Nicht selten auf schelmische Art und Weise motivieren seine Fotografien, die übermalten Gemälde, die stilisierten und dekorierten Alltagsgegenstände und nicht zuletzt die raumgreifenden Installationen zur Auseinandersetzung mit Kunst. Das Museum und ihre Kuratorin Felicity Korn haben aus dem umfänglichen Nachlass des Künstlers eine attraktive und äußerst ästhetische Präsentation in den zehn Ausstellungssälen gebaut.

    Kuratorin Felicity Korn zwischen Sarah Wulbrandt (Leitung Presse), links, und Felix Krämer (Generaldirektor Kunstpalast), © 2025 Karsten Enderlein

    Herzstück der Ausstellung bildet das Projekt „100 Jahre“. Das Werk umfasst eine Serie von Schwarzweiß-Fotografien, die 101 Personen im Alter von acht Wochen bis 100 Jahren zeigen, präsentiert in chronologischer Reihenfolge, in der Mitte des Saals mit einem Strauß frischer Blumen. Wie ein Spiegel wirken die jeweiligen Portraits auf die Betrachtenden, weil ich zunächst zu der fotografierten Person meines eigenen Alters zusteuere. Dort gleiche ich dann Äußerlichkeiten mit mir selbst ab und beginne mich und mein persönliches Leben zu reflektieren. Ohne anzufassen, ohne zu steuern erfahre ich so, was heutzutage mit interaktiver musealer Präsentation gemeint sein könnte – und das voll analog! Ja, das schafft Kunst!

    AusstellungsbesucherInnen auf der Suche nach „ihrem Jahrgang“ in Feldmanns Projekt „100 Jahre“, © 2025 Karsten Enderlein

    Aus dem Ausstellungskatalog HANS-PETER FELDMANN– KUNSTAUSSTELLUMG, Walter und Franz König-Verlag, Vorwort von Felicity Korn: (K)eine Biografie –
    In sämtlichen Publikationen, Pressemitteilungen und bei Anfragen beschränkte Hans-Peter Feldmann den Hinweis auf seine Biografie auf das absolute Minimum. Auch seine Galerien folgten diesem Wunsch. Genannt wurden lediglich Geburts­datum und -stadt sowie sein Wirkungsort: ,,*1941 in Hilden. Lebt und arbeitet in Düsseldorf.“ Die üblicherweise aufgelisteten Informationen wie Ausstellungen und Auszeichnungen hielt er für wenig hilfreich – viel interessanter fand er hingegen einen Überblick über seine Lieblingsfilme oder die Erwähnung, dass er Schuhgröße 45 habe und als Kind von einem Heuhaufen gefallen sei. Ebenso skeptisch be­trachtete er die Herangehensweise von Museen, ein zeitlich geordnetes und daher vermeintlich kohärentes Narrativ aus einem künstlerischen Werdegang zu konstru­ieren. Dennoch stimmte er der Idee zu, dass die Retrospektive im Kunstpalast Düsseldorf den Versuch einer historischen Darstellung unternehmen solle. Zum Ende seiner Karriere hin übte die Idee vielleicht sogar einen gewissen Reiz auf ihn aus. Dies legt auch die Veröffentli­chung des Werkverzeichnisses seiner Bücher und Hefte im Jahr 2022 nahe.

    Ausstellungsansicht: Hans-Peter Feldmann „SEESTÜCKE“, © 2025 Karsten Enderlein

    Ausstellungsansicht: Hans-Peter Feldmann, „Brotscheiben“, ca. 2002, © 2025 Karsten Enderlein

    Feldmanns Faszination für Bildwelten bestimmte das Erscheinungsbild seines künstlerischen Schaffens. Und so ist es kein Zufall, dass die Ausstellung im Kunstpalast anmutet wie eine Fotografie-Ausstellung, auch wenn Feldmann sich selbst nicht als Fotograf verstanden hat. Mich als Lichtbildner erfreut das Gesehene umso mehr, weil ich in diesem Zusammenhang den Begriff der Visuellen Kommunikation weiterdenken kann.

    Ausstellungsansicht: Hans-Peter Feldmann „Zollstockhaus“ (ca. 2000) vor „Bücherregal“ (2002, Ausschnitt), © 2025 Karsten Enderlein

    Detailinformationen zur Retrospektive im Kunstpalast finden Sie auf dessen Zuhause-Seite.

    Alle Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung liegen hier in den SCHUBLADEN meines Archivs.

    SEX NOW

    E I N L A D U N G – zur Ausstellung im NRW-Forum Düsseldorf, noch bis zum 3. Mai 2026

    Der scheidende Künstlerische Leiter Alain Bieber in der Installation „Vibrierendes Herzbett“

    Das NRW-Forum Düsseldorf lädt uns ein zur Ausstellung SEX NOW. Zu sehen sind noch bis zum 3. Mai 2026 Arbeiten rund um Sexualität – von feministischen Porno-Filmen über virtuelle Sex-Simulatoren bis hin zu interaktiven Installationen. Leider haben nur Erwachsene aus rechtlichen Gründen Zutritt. Schade! Heranwachsende hätten durchaus ihren aus digitalen Medien genährten sexuellen Erfahrungsraum spielerisch erweitern können. Denn wir sind nicht nur eingeladen auf 12.000 Quadratmetern, in zehn Themenräumen über 400 Exponate zu besichtigen, bestenfalls zu bestaunen – wir sind auch aufgefordert anzufassen, zu lernen, zu fühlen und auszuprobieren.

    Detail der Ausstellungsinstallation

    Wir sollen Lust, Körper und Begehren in all ihrer Komplexität entdecken. Von Latexmode, Möbeldesign, Fotografie und Medienkunst bis hin zu Puppen und Toys finden wir Installationen und Exponate, die uns zeigen, was wir schon immer über Sex wissen wollten. Das alles wurde kuratiert vom Künstlerischen Leiter des NRW-Forums Alain Bieber und Judith Winterhager, in kuratorischer Assistenz.

    Die KuratorInnen Judith Winterhager und Alain Bieber im Interview mit dem WDR


    Alain Bieber im Interview mit dem WDR vor der Arbeit „The Vulva Gallery“

    Die letzte Schau! Für viele überraschend gab Alain Bieber bei der Ausstellungsvorbesichtigung seinen Rücktritt als Künstlerischer Leiter des NRW-Forum Düsseldorf bekannt. Er wird sich nach zehnjähriger Arbeit an der ehemaligen Wirkungsstätte neuen, nicht näher bezeichneten, persönlichen Projekten widmen.

    Viele weitere Informationen, unter anderem über das umfangreiche Begleitprogramm der Ausstellung, findet man auf der Zuhause-Seite des NRW-Forum Düsseldorf.

    Alle Fotos der Ausstellungsvorbesichtigung liegen in den SCHUBLADEN meines Archivs genau hier.

    RUHRTRIENNALE 2025

    Das Festival der Künste vom 21. August bis 21. September 2025

    Auftakt-Pressekonferenz am 13. August

    Auf der Bühne bei der Pressekonferenz, v.l.n.r.: Ivo Van Hove (Intendant der Ruhrtriennale 2024-2026), Krystian Lada (Programmdirektor), Larissa Sirah Herden und Lars Eidinger (beide Hauptrolle „I Dit It My Way“), Serge Aimé Coulibaly (Tänzer und Choreograph) und Stephanie Noak (Pressesprecherin Ruhrtriennale)

    Am 21. August beginnt die zweite Festivalsaison der Ruhrtriennale unter der Intendanz von Ivo Van Hove. Bereits ausverkauft ist die Eröffnungsproduktion I Did It My Way mit der Musik von Nina Simone und Frank Sinatra und mit Lars Eidinger und Larissa Sirah Herden in den Hauptrollen.

    Lars Eidinger, Larissa Sirah Herden und Serge Aimé Coulibaly (vordere Reihe v.l.n.r.)

    I Did It My Way – Ein interdisziplinäres Musiktheater über das Leben nach der Liebe – Inspiriert von der Musik von Nina Simone und Frank Sinatra erzählt I Did It My Way von der Trennung zweier gegensätzlicher Menschen: eines Mannes, der nicht glaubt, dass sich die Liebe verändern kann, und einer Frau, die um jeden Preis an Veränderung glaubt. Sie, eine Schwarze Frau, findet ihre Aufgabe in der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung und erhebt ihre Stimme in leidenschaftlichem Protest. Er, ein weißer Mann, bleibt in der Kleinstadt Watertown zurück, und mit dem Vertrauten verwachsen, sucht er seinen Sinn in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft. Sie ist beflügelt von ihrem Wandel, er steckt in einem stagnierenden Leben fest. Die Gefühle der beiden entfalten sich ausschließlich durch die Musik – Duette und Soli verweben Liebe und Sehnsucht, Harmonie und Streit, Befreiung und Verlust. I Did It My Way wurde durch zwei amerikanische Musiklegenden inspiriert: Frank Sinatra und Nina Simone. Die aufstrebende Schauspielerin und Sängerin Larissa Sirah Herden (Lary), deren letztes Filmprojekt kürzlich mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde, und Lars Eidinger, eines der bekanntesten Gesichter der deutschen Theater- und Filmlandschaft, verkörpern das ungleiche Paar. Sie werden von vier Tänzer:innen und einer swingenden Big Band begleitet.

    Die beiden HaupdarstellerInnen Larissa Sirah Herden und Lars Eidinger freuen sich beim Interview mit der ARD auf die Eröffnungsproduktion am 21. August.


    Alle Fotografien © 2025 Karsten Enderlein – Texte: Pressestelle Ruhrtriennale – Informationen zum umfänglichen Programm der Ruhrtriennale 2025 finden Sie hier. Alle Fotografien der Pressekonferenz finden Sie in der Schublade BEGEGNUNGEN in meinem Archiv (ke SCHUBLADEN – opening time: 8:00 am to 0:00 am CET)

    NORDMEERFAHRT

    Zwischen Wasser und Himmel – Meine Island-Reise 2025

    Mit dem Schiff von Bremerhaven nach Island, drum herum, und wieder zurück. Über das Europäische Nordmeer zwischen Island und Norwegen. Streckenweise bis zu 4000 Meter Wasser unterm Kiel. 1,1 Millionen Quadratkilometer groß. Gut 250 Millionen Jahre alt. Die losen Zahlen machen mir mächtig Eindruck. Gleich hinter der Reling Unmengen von Wasser. Eine Wasserwüste gefüllt mit Wellen, Wellen, Wellen. Selten glatte See. Mein Blick schweift in Unendlichkeiten von Wasser und Himmel, mit und ohne Wolken, mit und ohne Sonne. Und immer wieder Wasser. Und Himmel.

    Nach Tagen umgeben von unendlichen Wassermengen sehe ich Land. Das Schiff legt an. Ich bin Gast in Seydisfjordur, Akureyri und Reykjavik – auf Island, praktisch am Ende der Welt, direkt unterhalb des Polarkreises. Die Angst vor einer Schiffskatastrophe weicht, und ich fühle mich sicher in einer Umgebung mit Vertrautem: Häuser, Wege und auch ein paar Menschen.

    Kontrastreicher konnte meine Augenreise nicht sein. Nach tagelangen Eindrücken von wilder organischer Natur, ohne Struktur, weich und ständig bewegt, jetzt auf einmal geometrische Strenge, statisch, unbewegt, linienorientiert. Nur ein abstraktes Spiel aus Licht und Schatten haucht Leben in die Landschaft. Welch ein Kontrast!

    Fjorde und Buchten und Gebirge geben der Insel ihr Profil. Den zerklüfteten Umrissen stehen lineare Architekturen der Bewohner gegenüber. Diese vermeintlichen Gegensätze verschmelzen zu einem Gesamteindruck. Dem stetigen Wechsel von Wellen und Wolken auf hoher See – jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde ein anderes Bild – stehen jetzt an Land lineare parallele Strukturen aus Beton und Holz und Blech und Glas in mystischer Ruhe gegenüber. Und halten still, stundenlang. Was für ein gewaltiger Eindruck!

    Die Kamera macht aus meiner Augenreise Reisebilder. Mein ausgeprägter Hang zur Geometrie wird durch die stringente Bauweise der Isländer bedient. Selbst die visuelle Nahtstelle zwischen Wasser und Himmel, die Kim, bietet eine ausgesprochen lineare Gerade, die die Naturgewalten nicht trennt, sondern zu einem großen Ganzen verschmelzen lässt.

    Diese Reisebilder werde ich lange im Kopf behalten, und sie werden zur Inspiration für meine nächsten Architektur- und Landschaftfotografien, auch wenn diese dann nicht nach einer beeindruckenden Seefahrt entstehen.

    Alle Fotografien meiner Islandreise sind in den Schubladen meines Archiv hier zu finden.


    Alle Fotografien © 2025 Karsten Enderlein

    Rencontres de la photographie d’Arles


    In den unzähligen Präsentationsorten des traditionellen Fotofestivals in Arles in der Provence ist neben den Arbeiten zum Teil berühmter FotoautorInnen auch eine Arbeit von mir zu sehen. Eine Jury wählte ein Motiv aus meiner umfänglichen Werkgruppe „k.enderlein trifft VINCENT VAN GOGH“, um dieses in der Eröffnungswoche des Festivals neben 40 anderen Fotografien in einer Galerie zu präsentieren.

    Ich freue mich sehr.

    56. Rencontres d’Arles 2025 DISOBEDIENT IMAGES – Ungehorsame Bilder

    Die Zuhause-Seite meines van Gogh-Projektes finden Sie hier. Die Zeitschrift PROFIFOTO bietet Detail-Informationen zu dem Ausstellungsprojekt in Arles.