ALLE JAHRE WIEDER

Meine guten Wünsche zum Jahreswechsel haben eine lange Tradition. Sie sind auch Anlass, in vermeintlich ruhigeren Zeiten an alle die zu denken und sich derer zu erinnern, die auf dem mittlerweile umfangreichen Verteiler stehen. So sind die zwei Tage und Nächte vor Weihnachten, in denen meine Frau Martina und ich die Karten produzieren, ein ganz besonderes und emotionales Erlebnis.

1990: Die Erste. In meinem Fotografenleben gehört die Suche nach dem etwas anderen Bild zum Alltag. Die Suche nach Licht in der Dunkelheit ist ohnedies wichtiger Anspruch in der Fotografie. Gepaart mit einer gehörigen Portion Sentimentalität, gerade zur Vorweihnachtszeit, passieren dann Bilder in meinem Kopf, die in über dreißig Jahren etliche Motive haben entstehen lassen. Diese verschicke ich jährlich seit 1990 als Schmuckkarte mit den besten Wünschen zum Jahreswechsel an FreundInnen, KollegInnen und gute Bekannte.

Die letzte Energiekrise in den Siebzigerjahren war längst überstanden, die heutige noch lange nicht absehbar. Und so sparten die starken Männer der Stahlindustrie nicht mit Strom, als sie beschlossen, nahe der automatisiert produzierenden Kokerei den von der Betriebsleitung organisierten Weihnachtsbaum mit über zwanzig 100-Watt-Glühbirnen auszurüsten. Und die brannten auch tagsüber, wenn der Nieselregen der Kühlwasserwolken durch die Werksanlagen waberte. Größer konnte der Kontrast zwischen der monumentalen Stahlfabrik und dem Symbol des Weihnachtsfestes – dem Christbaum – nicht sein. Ich sah auf der Fahrt durch das Werk den Baum, wo ansonsten im kilometerweiten Umfeld kein Baum und Strauch zu finden waren, und dachte an die wenigen starken Arbeiter, die im Zeitalter der Industrialisierung und Automation noch harte Arbeit verrichteten, und diesen Baum an diese Stelle gestellt haben mussten und verfiel in eine rauschige Sentimentalität, als ich dabei an meine Kindheit unter dem jährlichen Weihnachtsbaum dachte. Ich war ja schließlich auch schon ein erwachsener starker Mann und hatte geglaubt, dass ich dieses vermeintlich kindliche Erlebnis nicht mehr brauchte. Aber dieser Baum an der Kokerei, den ich im Dezember 1990 entdeckte, überzeugte mich damals sofort, dass gerade auch wir Erwachsenen einen Anspruch auf das Symbol der immergrünen Tanne für Leben, Ausdauer und Überleben haben sollen. Und das gerade in einer Zeit, die auch schon in den Neunzigerjahren größte Anstrengung im Arbeitsleben forderte.

1991. Kein Stern über Bethlehem – dennoch ein Licht in der Finsternis.

1992. Auch das Feuer eines Schlackenabgusses kann zur Weihnachtsgeschichte werden.

1993. Im Jahre 1992 begann ich mein Fotoprojekt über Vincent van Gogh und war nachhaltig bewegt von dessen Leben und Wirken. So brachte ich auch das Diamantenmuseum in Amsterdam kurz vor Weihnachten in Schwung.

1994. Der Heilige Apostel Andreas war Namensgeber für x-förmige Kreuze, die uns heute vor Eisenbahnverkehr warnen. In der Nacht zum 30. November im Jahre 60 soll er an einem solchen Kreuz hingerichtet worden sein.

1995. Ein wärmendes Feuer in eisigen Dezembernächten bietet auch an der Sinteranlage Krippenatmosphäre.

1996. Auch in der Mechanischen Hauptwerkstatt gedenkt man der Geburt Jesu Christi.

1997. Sind das nicht die drei Weisen aus dem Morgenland unter dem Stern zu Bethlehem?

1998. Das achte und letzte Motiv aus der Duisburger Werkskulisse. An kalten Dezemberabenden in der blauen Stunde mit den sternförmigen Lichtern kam ich nie an Weihnachten vorbei.

1999. Ich wusste im heißen August an der Atlantikküste Frankreichs schon, warum ich an den Christbaumstand auf dem Weihnachtsmarkt im Dezember denken musste.

2000. Auch im Manhattan des Mittelalters, der toskanischen Türme-Stadt San Gimignano, fand ich einen Lichtblick für das bevorstehende Weihnachtsritual.

2001. Außer einer kurzfristigen Ehrfurcht vor dem störenden Fotografen war in der Ostsee-Werft bei den Arbeitern noch nichts von Weihnachten zu spüren.

2002. Ich glaubte schon lange nicht mehr an den Weihnachtsmann, ale er mir in einem Parkhaus in Oslo ins Bild lief.

2004. Eisige Salzwinde waren gut für meine Inspiration, ausgerechnet auf Sylt an das ein oder andere Licht am Horizont zu denken.

2006. Alle Weihnachtseinkäufe erledigt?

2007. Oder warten wir in Südtirol schon im Sommer auf’s Christkind?

2009. Die erste gemeinsame Karte mit meiner Frau Martina. Jetzt erweiterte sich der Verteiler. Die Post hielt zumindest ihre Portokosten in diesem Jahr stabil.

2012. Der Text unserer Karte kollidierte etwas mit dem Motiv: So richtig kam keine Fröhlichkeit auf beim winterlichen Spaziergang durch den Hofgarten in unserer Landeshauptstadt, in dem auch Heinrich Heine schon lustwandelte.

2013. Schon für das Jahr 2014 wünschten wir FREIRÄUME im Denken. Die sollten für Kreativität im Handeln sorgen.

2014. Der Blick zum Himmel tut auch den Nichtheiligen, Nichtweisen und NichtkönigInnen gut.

2015. Von Afghanistan über die Krim bis Venezuela – Krieg und Krisen auf der ganzen Welt. Der Ölzweig sollte ein Symbol für Wunsch nach Frieden sein – ein frommer Wunsch.

2016. Unser Aufruf zu Entspannung und Gelassenheit in bewegten Zeiten.

2017. „Ein Sonnenstrahl reicht hin, um viel Dunkel zu erhellen.“ Frei nach Franz von Assisi wünschten wir LICHTBLICKE.

2018. Der richtige Weg bringt neue Erkenntnisse.

2019. Da wo nichts im Wege steht, nichts ablenkt, kann man lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist.

2020. Immer für einen guten Gedanken gut: ein Meer von Blumen, hier frei nach Vincent van Gogh.

2021. „Es kommt nicht darauf an, wie wir aussehen, es kommt darauf an, wie wir sind.“ Aus „So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche“ von Karl Ove Knausgård.

2022: Die Aktuelle. So viele Heizkörper-Bilder in den Medien gesehen. Und jetzt noch eins auf unserer Weihnachtskarte. Wenn das nicht die Kreativität fördert, die beim Sparen hilft. Und das Denken in unserer Zeit wirklich ändert, gar wendet.

Immer wieder bin ich auf der Suche nach dem etwas anderen Bild. Solange ich kann, werde ich weitersuchen und pünktlich zum Jahreswechsel versuchen, Impulse zu geben, um im nächsten Jahr die Welt zu verbessern.

k.e im Januar 2023

Alle Bildmotive meiner Grußkarten zum Jahreswechsel seit 1990 finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs genau hier.


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