SAGT EIN FOTO MEHR ALS TAUSEND WORTE?

Tausend Worte sind nämlich verdammt viel. Und gerade in der deutschen Sprache können tausend Worte eine gewaltige Aussagekraft haben. Was aber macht eine Fotografie so wirksam und attraktiv in Bezug auf eine Aussage und auf eine Meinung? Es ist der geistige Spielraum, den der Betrachter hat und die Fantasie, die ein Bild in jedem Menschen provoziert. Und je mehr ein Foto verbirgt, desto intensiver interpretieren wir Betrachter dieses Bild aufgrund unserer eigenen Erfahrungen, Geschichten und Erinnerungen. Erst auf diese Weise und ausschließlich in unserem Kopf entstehen die umfangreichen Geschichten, die durchaus mehr als tausend Worte haben können.

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Werbetafel in Wesel, 80er Jahre, Foto: © 2018 Gerd Lorenzen, Essen

Mein Fotografenkollege und Freund Gerd Lorenzen schickte mir neulich dieses wirklich gelungene Foto-Exemplar aus den 80er Jahren. Dieses ach so zeitlose Bildmotiv beschreibt so aktuell wie selten den Zustand einer Asylpolitik in Europa, die unsere Bundesregierung der heutigen Zeit dicht an den Abgrund bringt. Das Foto zeigt mir Begrifflichkeiten wie „REINHEIT“, „GEBOT“, „GARANTIE“ und eine Zahl „BIS 60“. Und es zeigt ein zerrissenes Kragenhemd, wie unserer Politiker es tragen könnten, und ein Portrait eines hoffnungsvollen Kindes, wie es an der „AUSSENGRENZE“  Europas aufgenommen sein könnte.

Beim weiteren Betrachten dieses Bildes denke ich an solch verstörende Begrifflichkeiten, wie sie in den letzten Tagen in Funk und Fernsehen zu hören und auf den Titelseiten der Zeitungen zu lesen waren:

„OBERGRENZE“, „AUSSENGRENZE“, „ASYLTOURISMUS“, „TRANSFERVERFAHREN“, „ERSTEINREISELAND“, „MASTERPLAN“, „SCHNELLVERFAHREN“, „TRANSITZENTREN“, „BALKANROUTE“, „BAYERISCHE GRENZPOLIZEI“, „CHRISTLICH-SOZIALE UNION“, „MITTELMEERROUTE“, „REGIERUNGSKRISE“, „ASYLWENDE“ usw.

und dann auch noch eine Zahl: „69“!

Das sind ausschließlich meine subjektiven Assoziationen. Jedem anderen Betrachter fallen andere Dinge zu diesem Foto ein, und genau das macht das Foto zu einem Impulsgeber für die individuelle Betrachtungsweise.

Zu den Fakten hinter dem Bildmotiv könnte ich sagen: In den 80er Jahren war es üblich, dass die Agenturen für ihre Werbetreibenden auf den Plakatwänden einen Zehn-Tages-Zeitraum buchten. Erst nach etwa vier bis sieben Dekaden wurden die mehrfach überklebten Papierbahnen von der Werbetafel entfernt. Starker Wind nach ausgiebigem Regen war schon immer der Feind der Außenwerber. Immer wieder entstanden so skurrile Plakatmotive durch ausgerissene Papierbahnen, die die vorangegangenen Motive der letzten Dekaden teilweise frei legten. Auf der einen Seite reduzierte sich so die beabsichtigte Werbewirksamkeit, die dadurch entstandenen „Reißbilder“ waren aber auf der anderen Seite teilweise echte Hingucker.

Etwa Anfang der 80er Jahre fotografierte Gerd Lorenzen, der als Fotojournalist der NRZ (WAZ-Mediengruppe) immer eine Hand am Auslöser hatte, die Werbetafel in Wesel auf der Brüner Landstraße. An der Weseler Maschinenbau GmbH (WESMAG) gab´s damals noch ein Büdchen kurz vor dem „Katzenbuckel“, der steilen Theodor-Heuss-Brücke über die Bahngleise. Wir sehen die zerrissenen Papierbahnen einer Waschmittel-Werbung, die das darunter liegende Motiv einer Hilfsorganisation-Kampagne teilweise frei legt. Ein Photoshop-Artist der jüngsten Generation hätte eine solch aussagekräftige Bildidee nicht besser realisieren können. Gerd Lorenzen musste damals lediglich „sehen“ können und das Gesehene fototechnisch umsetzen.

ke – der obige Text hat 464 Worte


 

2 Gedanken zu „SAGT EIN FOTO MEHR ALS TAUSEND WORTE?

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