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Eine fotografische Spurensuche in meiner Heimatstadt WESEL

Die Bilder in meinem Kopf

Wesel, meine Heimatstadt,

in Wesel geboren und vierzig Jahre in Wesel gelebt, eine Menge Bilder aus dieser Zeit im Kopf, viele Bildmotive sind in meiner Seele eingebrannt – als Erinnerung, es steigen immer mehr Erinnerungen aus meiner Kindheit auf, es sind längst verdrängte und verschobene Begebenheiten, aber da hänge ich noch dran, da lebe ich doch mit, es sind Kratzspuren meiner Seele, und das Erlebte macht doch meine Persönlichkeit aus, das macht mich doch aus,

und jetzt sind viele wieder da, Erinnerungen und Bilder, aus den verschiedenen Bildern im Kopf entstehen ganze Geschichten, ich werde sentimental, ich werde fröhlich, ich werde traurig, alles erfahre ich höchst emotional, sind meine Erinnerungen richtig? also wahr? oder sind sie verfälscht? es ist lange her,

da kommen Namen, Orte und Begebenheiten zurück, meine Erinnerungen passieren als Bilder in meinem Kopf, geradezu detailreiche und gestochen scharfe Bilder, aus Licht, Form und Farbe, wie Pläne, sehr linienorientiert, sehr grafisch, farbig, geradezu bunt, nicht wie in meinen Träumen, verwischt, verwoben, schwarz und weiß, die Aufmaße meines Vaters, wenn er damals als gelernter Möbeltischler unsere Möbel baute, hatten mich schon als Vorschulkind fasziniert,

ebenso begeisterten mich die Burda-Schnittmuster, nach denen meine Mutter ihre Kleider nähte,

vielleicht wollte ich Architekt werden? Linien malen, Pläne malen, Lieblingsmotive meiner Kinderzeichnungen waren keine Menschen, keine Personen, ich zeichnete Häuser und geradlinige Landschaften, mit Horizont, mit großen geometrischen Flächen, in blau und gelb und grün, auch in rot, nach der Schule wollte ich Fotograf werden, kreativ Linien und Formen in Bildern zusammenbringen, verantwortlich sein für formale Ästhetik, ohne damals zu wissen, was das ist, und wie das geht,

aber ich erinnere mich genau, ich wollte Fotograf werden, Bilder sehen, begucken, das machte mir Spaß, vielleicht war das der Impuls, Bilder zu arbeiten, Bilder zu schaffen, das, was ein Fotograf macht, über fünfzig Fotoalben hatte mein Vater voll geklebt mit seinen Fotografien, und mich faszinierten mehr die grafisch ordentlich aufgebauten Seiten in diesen Alben, als die Inhalte der Abbildungen, außer die Fotos, auf denen ich selbst zu sehen war, da nahm ich eine Veränderung war, ich wuchs, wurde gar erwachsen,

ein Höchstmaß der Zufriedenheit erfuhr ich mit meinen ersten selbst geschaffenen Bildern Mitte der Siebzigerjahre, ich lernte, in Bildern zu denken, ich konnte ausdrücken in Bildern, was ich mitteilen wollte, ich lernte zu sprechen, in Bildern, und immer waren es die Bilder in meinem Kopf, die am Anfang des Entstehungsprozesses meiner Fotografien erschienen, von der Idee über den Schaffensprozess der fotografischen Arbeit, bis zum Ergebnis in Form einer s/w-Fotografie auf einem Blatt Fotopapier 18×24 höchstens 24×30 cm,

so fühlte sich Kreativität für mich an, bis heute ist der Prozess, ein Bild zu erschaffen, das nach meiner eigenen Konzeption gearbeitet ist, immer wieder ein höchst befriedigendes Erlebnis, so ich es schaffe, das, was ich denke, fotografisch umzusetzen, nicht nur das, was ich sehe, aus Bildern in meinem Kopf, Bilder entstehen zu lassen, die ich zeigen, die ich öffentlich machen kann, in einer Sprache, einer Bildsprache, die Betrachtende verstehen und sie zum Weiterdenken anregt,

dann ist es ein gutes Bild –

nicht nur in meinem Kopf


Die Bilder meiner Vergangenheit

das Faszinosum Fotografie,

ich denke an meine ersten Gehversuche in meinem Fotografenleben, meine ersten Fotografien, viele davon sind in Wesel entstanden, zwischen 1975 und 1980, wir nannten das „Fingerübungen“, freie, keine Auftragsarbeiten, ich war in der Ausbildung, vom Bahnhof nicht direkt nach Hause, erst durch die Stadt, mit der Kamera in der Hand, Bilder machen trainieren,  noch sensibler werden für Licht, Form und Farbe, später mit meinem ersten Auto war ich mobiler, der Radius meines persönlichen Umfelds vergrößerte sich, die ersten Landschaftsbilder entstanden, ansonsten viel Architektur, wenig Menschenbilder,

immer wieder der Rhein, die Lippe, die Auen, die Wiesen, die Deiche, die Wälder, im Winter, im Sommer, dann Veranstaltungen – mit Menschen, PPP, Rhein-Lippe-Schau, Geranienmarkt, Kirmes, Wahlkampfveranstaltung mit Franz-Josef-Strauß,

am Auesee, im Bahnhof, auf der Kirmes, in der Einkaufszone, in den beiden Kaufhäusern Hansa und Kaufhof, auf dem Wochenmarkt, Schützenfest in Farbe, auf Kleinbilddia, immer eine Kamera um den Hals oder in der Tasche, das war Pflicht in der Ausbildung, so entstanden im Laufe von fünf Jahren tausende von Fotografien, nicht alle waren gut oder wertig, aber es waren meine eigenen Fotografien, nach dem Wochenende, montagmorgens, die Filme entwickeln, gucken, ob was drauf ist, hochspannend, ist das Negativ richtig belichtet? zeigt es das, was ich gesehen hatte? lohnt sich ein Abzug? die Arbeit in der Dunkelkammer war wie ein Entstehungsprozess, ich schuf eine Fotografie, hinter der Trockenpresse war ich stolz auf das Blatt Papier mit der fotografischen Abbildung einer subjektiven Realität, mit der Abbildung eines realen Moments meines eigenen Erlebens und Begreifens,

ich lernte zunächst, formale Bildinhalte zu ästhetisieren, Licht, Form und Farbe bewusst einzusetzen und so zu gestalten, dass es auch Betrachtenden Freude machen konnte, das Bild zu sehen, andere interessierten sich für meine Fotografien, ich lernte, dass meine Fotos etwas mitteilten konnten, das bestenfalls auch ankam, sie wurden gelesen, sie wurden interpretiert, das lehrte mich, eine ganz bestimmte Geschichte mit den Fotografien zu erzählen, präziser zu werden in meinem Anspruch, Bilder, nicht nur die eigenen, zu vergleichen, zu werten, zu merken, Bilder lesen zu lernen, um gute Bilder machen zu können, jedes gelungene Bild war ein Erfolg, jedes missratene eine Katastrophe, das härtete ab, Kritik war immer gut, wenn sie konstruktiv war, jedes gearbeitete Bildmotiv war – und ist selbstverständlich auch heute noch – eine neue Erfahrung, trotz aller Gewohnheiten und Vergleichbarkeiten,

mit dem Handwerkszeug des Fotografen, dem Licht, zu arbeiten, bedeutet nicht hell machen, sondern beleuchten, eine Fotografie mit Licht zu formen, einen dreidimensionalen Eindruck zu erzeugen, wo nur zwei Dimensionen zur Verfügung stehen, dazu wollte ich technisch in der Lage sein, und ich wollte mit meinen Fotografien einen Eindruck, eine Stimmung, eine Botschaft vermitteln, und weil die Bilder zuerst im Kopf entstehen, bin ich auch spät abends, am Wochenende, im Urlaub, unter Freunden in Gesellschaft und wo immer ich gehe und stehe ein Fotograf,

auch wenn ich gerade keine Kamera zur Hand habe, denken kann ich nicht abstellen, und auch die Bilder in meinem Kopf laufen wie in einer Diashow ununterbrochen auf einer geistigen Leinwand weiter, und das ist bis heute in meinem Fotografenleben das Faszinosum,

das beseelt mich immer wieder aufs Neue


Die Bilder meiner Orte der Erinnerung

das Leben ist Wandel,

ein Abgleich, damals – heute, Veränderung? nichts ist so, wie es einmal war, – manchmal wohl, und dann denke ich, nichts ist passiert, und die Erinnerung holt mich ein, Bruchstücke von Orten und Begebenheiten, als wäre es gestern gewesen,

jetzt komme ich zurück nach Wesel, ich möchte die Orte meiner persönlichen Begebenheiten wieder entdecken, ich mache mich auf eine Art Spurensuche, ich entdecke meine Kindheit und meine Jugend neu? da war die Sommerhitze am Niederrhein, wochenlang kein Regen, nach der Schule direkt zum Auesee, später kamen auch die Mädchen, ich glaube, ich war zwölf oder vierzehn Jahre alt, die ersten erotischen Träume, sehr aufregend, was ist davon heute noch da? ich kenne das noch, irgendwie geht das auch heute noch, dann vermischt sich meine Vergangenheit mit meiner Gegenwart, was bleibt in meiner Zukunft davon erhalten? was ist geblieben von meinen Träumen? gibt es da Zweifel?

ich habe meine eigenen Gedanken, schließlich sind wir alle verschieden, was hatten wohl die anderen für Träume? die Orte meiner Erinnerungen verknüpfen sich immer wieder mit Bildern in meinem Kopf, es sind oft die gleichen Bilder, die immer wieder erscheinen, und sie sind schön, die Bilder in meinem Kopf wirken frisch und kühl, wie damals, wie die kühle Wiese am Wasser des Auesees, wo wir Jungs uns hemmungslosen Schwärmereien hingaben, das kommt mir alles wieder in den Sinn, wenn ich heute am Auesee bin, und die Wiesen am Ufer des ehemaligen Baggerlochs sind auch heute noch kühl, wie damals, als sie gut taten in der sommerlichen Hitze gegen zu heiße Phantasien,

heute bin ich am Auesee und will meine Geschichte erzählen, und es sind meine Erinnerungen, die jeder Betrachtende meiner Fotografien für sich weiterdenken kann, ich möchte meine Geschichte nicht zu Ende erzählen, sie geht ja heute weiter, immer weiter, ich möchte Impulse geben, dass sich jeder selbst erinnert, an die eigenen Begebenheiten in seinem Leben, an die eigenen früheren Wünsche und Ängste, um zu spüren, was davon noch da ist, und zu spüren, was sich in der Zeit verändert hat, so wie es mir ergeht, wenn ich heute am Auesee stehe, mit dem ich bestimmte Erinnerungen verknüpfe, dann erfahre ich, was sich in meinem Leben verändert hat, dann erfahre ich, was in meinem Leben noch immer da ist, und ich gleiche ab, und ich begreife, was Veränderung ausmacht, und nichts ist so, wie es einmal war, – manchmal wohl,

und ich begreife einmal mehr, das Leben ist Wandel, das entbehrt Langeweile, und das beruhigt, ich wünsche mir Veränderung, in meinen Träumen, in meinen Wünschen und in meinen Ängsten, am besten wäre wohl der gleiche Anteil Gewohntes, das gibt Sicherheit, und Ungewohntes, das macht spannend, der Wechsel beider Anteile macht das Leben aus, und so bleibe ich neugierig, gierig auf neues, und das hält mich am Leben,

und meine Fotografien, die ich heute an meinen Orten der Erinnerung arbeite? nun, sie sind gar nicht so viel anders, als meine Fotografien von damals, vor fast fünfzig Jahren, da ist tatsächlich noch irgendwie etwas so, wie es einmal war,

und ich erinnere mich gut an meine Zeit

in Wesel am Rhein


Text und Fotografien © k.enderlein, im Juli 2022

Alle Fotografien zu diesem Projekt finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs!

Das Buch zu diesem Projekt finden Sie als PDF-Dokument zum Download genau hier!


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