Frauen vor und hinter der Kamera – Ausstellung bis 15. November 2026 im Museum Goch
Ist die Autorin einer fotografischen Arbeit gleichzeitig Modell, Fotografin, Regisseurin, macht sie obendrein die Requisite, dann sprachen wir in der Vergangenheit von einer Selbstinszenierung, von einem Selbstporträt eben. Wenn wir heutzutage ein derartiges Fotomotiv benennen wollen, so reden wir im ultradigitalen Zeitalter von „self on stage“.

Meine rechnergestützte vermeintlich intelligente Textgenerierung bietet mir folgendes im Internet zu diesem Begriff an: Unter „self on stage“ (englisch für „Das Selbst auf der Bühne“) versteht man die künstlerische Selbstinszenierung, bei der sich eine Person – meist eine Künstlerin oder Fotografin – bewusst selbst vor der Kamera in Szene setzt, während sie gleichzeitig die Kontrolle über das Konzept, die Regie und die Aufnahme hinter der Kamera behält. – Nach eingehender Prüfung (!) finde ich das durchaus überzeugend verständlich.
Auf den im Netz mittlerweile millionenfach kommunizierten Smartphone-Selfies sehe ich in dieser Rubrik allerdings zumeist nur künstlich grinsende Gesichter, deren Besitzer mich ganz offensichtlich von ihrer Schönheit zu überzeugen versuchen. Ich frage mich schnell, was können die sonst noch, was steckt dahinter. Ich muss lange scrollen, um wirklich spannende, anspruchsvolle und ernst gemeinte Selbstinszenierungen zu finden.

Freddy Langer hat das gemacht, er hat lange recherchiert. Er ist Jahrgang 1957, ein Journalist, ein Fotograf, ein Sammler, ein Kurator, im Team der F.A.Z. bis 2024 ein fester, danach ein freier Mitarbeiter, und somit ein ausgewiesener Fotografie-Experte. Er recherchierte im weltweiten Internet, vornehmlich auf Instagram, welche Fotografin wem folgt, und wer von wem gefolgt wird. Dabei stieß er auf umfängliches Bildmaterial für sein Projekt, über das er zum ersten Mal in einer geselligen Fotografenrunde laut nachgedacht und das mit den Freunden diskutiert hatte. Nach einem Zwischenspiel in einer Frankfurter Galerie im November 2023 mit siebzehn Exponaten kam das Projekt dann in diesem Jahr nach Goch. self on stage, so lautet auch der Name der beachtenswerten Ausstellung im Museum Goch, die noch bis zum 15. November in Goch am Niederrhein, kurz vor der Landesgrenze zu den Niederlanden, zu bestaunen ist. Hier sind jetzt 24 Künstlerinnen mit etwa 150 Werken zu sehen. Langers Projekt hat deutlich zugenommen.

Im Untertitel des Ausstellungsnamens lese ich „Eine Ausstellung über die Selbstinszenierung von Frauen in der zeitgenössischen Kunst“. Die Ausstellung vermittelt deutlich, was hinter dem Begriff „Selfstaging“ eigentlich steckt. Auf Instagram wird dieser Begriff heute eher locker verwendet – manchmal reicht schon ein bestimmtes Lächeln oder eine bewusst gewählte Pose für einen kurzen meist albernen Moment. In der Kunst bekommt die Inszenierung jedoch eine ganz andere Bedeutung und Tiefe. Mit großem Aufwand setzten Künstlerinnen seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ihren eigenen Körper als Ausdrucksmittel ein. Sie waren gleichzeitig Modell, Fotografin und Regisseurin und kümmerten sich oft selbst um Kostüme, Requisiten und Licht. Dadurch entstanden sehr persönliche und teilweise auch verstörende Bilder, in denen sie sich mit den Rollen auseinandersetzten, die ihnen von der Gesellschaft zugeschrieben wurden.

Beim Betrachten der Fotografien wird deutlich, wie stark Themen wie Schönheitsideale, die Erwartungen an Frauen und der Wunsch nach Selbstbestimmung miteinander verbunden sind. Die Künstlerinnen verschnürten, verhüllten oder verdrehten ihre Körper und machten dadurch sichtbar, wie einengend diese gesellschaftlichen Vorstellungen sein konnten. Manche Inszenierungen gingen dabei sogar bis an die Grenze der Selbstzerstörung – etwas, das beim Besuch besonders nachdenklich machen darf.
Künstlerinnen entwickelten in ganz unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Systemen – von den USA bis zur DDR – ähnliche Bildideen. Das zeigt das vor allem, wie universell viele dieser Erfahrungen waren. Die teilweise radikalen und ungewöhnlichen Darstellungen wirken auf den ersten Blick vielleicht befremdlich, aber gerade dadurch bleiben sie im Gedächtnis und bringen einen dazu, über die eigene Wahrnehmung von Schönheit, Weiblichkeit und Selbstinszenierung nachzudenken.

24 internationale Künstlerinnen haben sich vom Kurator überzeugen lassen, ihre Werke in die Ausstellung zu schicken. Daraus wurde eine umfängliche und bemerkenswerte Fotografie-Schau. Lassen Sie sich obendrein von wirklich sehenswerten (Selbst-)Darstellungen der Protagonistinnen auf deren Zuhause-Seiten unterhalten, folgen Sie ruhig:
Kirsten BECKEN, Kincsö BEDE, Katharina BOSSE, Elina BROTHERUS, Susan COPICH, Rachel FEINSTEIN, Marine FOISSEY, Melanie ISSAKA, Cloe JANCIS, Susanne JUNKER, Tarrah KRAJNAK, Lia Sophie LAUKANT, Michala NORUP, Loreal PRYSTAY, Grit REISS, Alicia RODRIGUEZ ALVISA, Nina RÖDER, Kourtney ROY, Corinne RUSCH, Emma SARPANIEMI, Annegret SOLTAU, Martina STAPF, Lilith TERRA und Isabelle WENZEL
Alle Fotos der Ausstellungseröffnung finden Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs.
Weitere Informationen über die Ausstellung und das MUSEUM GOCH finden Sie auf dessen Zuhause-Seite.