Nach langem Zaudern möchte ich heute und an dieser Stelle, inspiriert durch den Text einer Werbeanzeige bei meiner morgendlichen Informationslektüre, einen Aspekt meines Standpunkts zum Thema Künstliche Intelligenz verbreiten, in der heutigen Zeit auch teilen oder posten genannt. Da ich kein Ambassador einer der zitierten Unternehmen bin, und schon lange nicht für redaktionell getarnte Werbebotschaften eine monetäre Vergütung erhalte – also auch nicht Influenzender bin – erlaube ich mir, die Marken der Unternehmen nicht zu benennen. Es handelt sich bei dem zitierten Produkt um das Smartphone eines chinesischen Technologie-Konzerns in Kooperation mit einem Kameravertreiber aus Wetzlar, so viel sei verraten. Weil das zitierte Thema in mein Genre der Fotografie hautnah eintaucht, möchte ich meinen LeserInnen das keinesfalls vorenthalten.
Vorab möchte ich darauf verweisen, dass ich das Kürzel KI und ebenso den Begriff künstliche Intelligenz für unrichtig halte, wenn wir über das große Thema „Menschliche Intelligenzleistungen wie Lernen, Problemlösen und Entscheidungsfindung durch rechnergesteuerte IT nachahmen“ sprechen. Seriöse Wissenschaftler haben mich gelehrt, dass der Begriff Intelligenz ausschließlich der Fähigkeit eines menschlichen Gehirns zugewiesen werden sollte, um grundlegenden Missverständnissen vorzubeugen.
Ich möchte aber die Entwicklung der sog. KI keinesfalls verteufeln, im Gegenteil, jeder sollte sie ausprobieren und gegebenenfalls nutzen, aber bitte mit Sinn und Verstand (dem eigenen!) und auf jeden Fall ihre Vorschläge als solche wörtlich nehmen und überprüfen. Dann wird im Alltag durchaus ein wirklich hilfreiches ergänzendes Werkzeug daraus, eigenes Arbeiten zu optimieren.
Soviel grundsätzlich kurz vorab zu meiner persönlichen Einstellung zu diesem viel beachteten und vielfach diskutiertem Phänomen jüngster Entwicklung im IT-Sektor.




Ich habe obendrein einige kleine Bildergalerien eingestreut, bestehend aus Motiven aus meinen SCHUBLADEN, die mir beim Lesen in den Kopf kamen (© 2026 Karsten Enderlein, aus den Jahren 1989-2017). Nicht nur wegen geschützter Autorenrechte, sondern aus eitlem Eigennutz habe ich die Originalfotos der Werbung gegen eigene Fotografien ausgetauscht. Folgend nun der Text der Werbeanzeige:
Perfektion ist in unserem digitalen Alltag zum Standard geworden, auch in der Fotografie. Doch je ausgefeilter die Technik, desto mehr sehnen wir uns nach authentischen Bildern. Der Handy-Herstellet [XXX] hat den Trend erkannt. Sein [XXX XX] mit [XXX] Technik garantiert echte Momente.
Es ist kurz nach Mitternacht, die kleine Party hat sich längst in die Küche verlagert. Die Gespräche sind von den großen Themen in die Anekdoten abgebogen – „Weißt du noch, wie Ben auf dem Weg zur Prüfung im Lift stecken geblieben ist?“. Lachen, noch ein Glas Wein. Irgendwo zwischen Freude und Vertrautheit entsteht dieser schwer greifbare Moment, den man später Erinnerung nennt. Nichts daran ist inszeniert. Das Licht ist schwach, die Schatten sind weich, die Gesichter nicht perfekt ausgeleuchtet. Und genau deshalb ist er echt. Solche Augenblicke sind es, die im Zentrum einer Entwicklung stehen, die man als leise Gegenbewegung zur Ära der Künstlichen Intelligenz lesen kann. Während Bilder heute per KI aufgepimpt werden und Perfektion zum technischen Standard geworden ist, wächst zugleich eine neue Sehnsucht: nach Wirklichkeit.
Der Hersteller [XXX] wollte es genauer wissen und hat zu diesem Thema eine repräsentative Umfrage durchgeführt. Titel: „Real Moments“. Die Studie beleuchtet den Stimmungswandel mit bemerkenswerter Klarheit. 78 Prozent der Befragten sagen, dass Echtheit in einer digitalen Welt immer wichtiger wird, 79 Prozent legen Wert darauf, dass Bilder authentisch wirken. Gleichzeitig empfinden 69 Prozent die permanente Perfektion digitaler Medien als anstrengend. Es ist ein paradoxes Verhältnis: Die Möglichkeiten der Optimierung werden genutzt – und zugleich zunehmend hinterfragt.
Tatsächlich hat sich die visuelle Welt radikal verdichtet. 85 Prozent der Deutschen konsumieren täglich Bilder, mehr als die Hälfte sogar mehrmals am Tag. Kl-generierte Inhalte sind dabei kein Randphänomen mehr, sondern fester Bestandteil des Alltags. 57 Prozent begegnen ihnen täglich. Und 83 Prozent geben an, dass es schwieriger geworden ist zu erkennen, ob ein Bild echt ist.
Doch je größer die Unsicherheit, desto stärker wird der Wunsch nach Verlässlichkeit. Echtheit wird zu einer kulturellen Währung. 84 Prozent der Befragten finden reale Erlebnisse bedeutungsvoller als digitale, die meisten wünschen sich weniger bearbeitete Bilder in sozialen Netzwerken. Besonders aufschlussreich ist dabei ein Detail: 72 Prozent sagen, dass sie beim Fotografieren den Moment nicht optimieren wollen. Sondern bewahren. Hier verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Fotografie war lange ein Versprechen auf Perfektionierung: mehr Licht, mehr Schärfe, mehr Brillanz. Heute wird sie wieder zu dem, was sie ursprünglich war: ein Mittel der Erinnerung. Über 90 Prozent der Befragten sagen, ein gutes Foto bringe sie zurück in den Moment. Es geht weniger um das Bild als um das, was es·auslöst.
Interessant ist, dass gerade die Nacht in diesem Zusammenhang eine neue Bedeutung erhält. 43 Prozent erleben Bilder am Abend intensiver, Nachtaufnahmen werden mit Freiheit, Ehrlichkeit, Spannung und Intimität verbunden. Dunkelheit ist hier kein Mangel, sondern Atmosphäre. Sie ist das Gegenteil der grellen Dauerpräsenz sozialer Medien – und vielleicht gerade deshalb so attraktiv.
Die Frage, die sich daraus ergibt, ist ebenso einfach wie folgenreich: Soll ein Foto die Wirklichkeit verbessern – oder sie bewahren?
Technologisch ist beides möglich. Doch die kulturelle Präferenz verschiebt sich. 84 Prozent der Befragten finden, ein Foto solle die echte Lichtstimmung zeigen, auch wenn sie dunkler ist. Ein spannender Befund: In einer Welt, in der Helligkeit jederzeit künstlich erzeugt werden kann, gewinnt die Akzeptanz von Dunkelheit an Wert.
Genau an dieser Schnittstelle von Technologie und Bedeutung positionieren sich neue Gerätegenerationen. Das [XXX] etwa wird nicht nur als leistungsstarkes Smartphone verstanden, sondern als Werkzeug für das, was man „Real Moments“ nennen könnte. Seine Kameratechnologie – entwickelt in Partnerschaft mit [XXX] – zielt nicht primär auf Überhöhung, sondern auf Präzision: auf das Einfangen von Licht, wie es ist. Der große 1-Zoll-Sensor, die aufwendige Linsenbeschichtung, die Reduktion optischer Störungen – all das dient letztlich einer einzigen Idee: dass Bilder nicht glatter, sondern glaubwürdiger werden. Dass Details auch im Dunkeln sichtbar bleiben, ohne die Szene zu verfälschen. Dass die Nacht ihre Magie entfalten kann: als Raum für Nuancen. Aus dieser Perspektive wird Technik nicht zum Gegenpol von Echtheit, sondern zu ihrer Voraussetzung. Denn das Festhalten eines echten Moments ist anspruchsvoller, als ihn zu inszenieren. Es verlangt Geräte, die mit wenig Licht umgehen können, die Dynamik aushalten, die nicht glätten, wo Struktur ist.
Vielleicht liegt genau darin der eigentliche kulturelle Wandel: nicht die Abkehr von Technologie, sondern ihre Neubewertung. Innovation wird nicht mehr nur daran gemessen, wie viel sie verbessert, sondern daran, wie gut sie wertvolle Erinnerungen bewahrt. Wenn Bilder überall zur Verfügung stehen, ist entscheidend, welches davon nicht künstlich erzeugt wurde, sondern ein echtes Erlebnis dokumentiert. Und wenn Perfektion jederzeit verfügbar ist, wird Unvollkommenheit zum Zeichen von Wahrheit.
So gesehen ist der Moment in der Küche, kurz nach Mitternacht, nicht nur eine beiläufige Szene. Er ist ein Gegenentwurf. Und in einer scheinbar perfekten, aber auch kälteren Welt tatsächlich ein Luxus.




Wenn auch für ein Markenprodukt werbend, wie passend. Es lebe die Fotografie, so wie ich sie in meinem Fotografenleben immer verstanden habe. Hierzu meine im Sommer letzten Jahres kommunizierte Einstellung zum Thema Fotografie im Allgemeinen und zu meiner Arbeit im Besonderen:
Fotografie beschränkt sich für mich nicht aufs Bilder machen. Fotografie ist ein höchst komplexer Schaffensprozess. Dieser geradezu intellektuelle Prozess beginnt mit einem Impuls, der zunächst eine Fotografie in meinem Kopf entstehen lässt. Anschließend entwickle ich ein Thema, eine Botschaft oder eine Meinung, die vermittelt werden soll. Ich überlege, welche Formalismen für die Visualisierung nötig sind: Ort, Jahres- und Tageszeit, Perspektive, Licht, Kamera, Format und eine Reihe von Kompositionsprinzipien. Danach ist eine Vielzahl von Schritten erforderlich, um meine Bildsprache lesbar zu machen. Am Ende entwickeln sich Abbilder subjektiver Wirklichkeit: meine Fotografien, Zeugnisse meines Fotografenlebens.




Mein nächster BLOG-Beitrag wird in jedem Fall weniger textintensiv sein, versprochen. Dort geht es dann voraussichtlich um mein aktuelles Fotografie-Projekt „LICHT UND FARBE – Auf den Spuren der Impressionisten in der Normandie“ (=Arbeitstitel!).
Danke für deine Reflexion, die sehr schön zeigt wie schizophren unser Verhältnis zur Technik insbesondere Bildoptimierung und -generierung ist. Es ist mutig über dieses Thema zu schreiben, ohne voll in die Extreme der Technikeuphorie oder des Kulturpessimismus zu verfallen.
LikeLike