
Ich habe mal wieder in den SCHUBLADEN meines digitalen Bildarchivs wühlen müssen, um ein paar passende Gruppenfotos zu meinem jüngsten BLOG-Bildbericht zu finden. Wie immer finde ich dann auch Motive, die ich gar nicht gesucht habe. Vor diesem Hintergrund war im April 2018 in meinem BLOG die Serie „Aus meinen SCHUBLADEN“ entstanden, in der ich meiner Leserschaft alte aber durchaus sehenswerte Bildmotive und ein paar dazugehörende Gedanken nicht vorenthalten wollte. Mein letzter Beitrag war dann im April 2021. Mit dem Vorschaltfoto einer Linhof 9×12 Doppelkassette aus der Zeit analoger Großbildkameras möchte ich die Rubrik zukünftig überschreiben. So zeige ich jetzt in der neuesten Ausgabe dieser Rubrik Bilder aus den Siebziger- und Achtzigerjahren.

Wohnungslose, zu meiner Zeit auch Obdachlose genannt, erregten immer schon Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Egal wo auf der Welt ich mich aufhielt, Menschen am Rand der Gesellschaft traf ich überall. Und so versuchte ich dieses in meiner heimatlichen Wohlstandsgesellschaft außergewöhnliche Bild mit der Kamera umzusetzen.

Erst später, bei Studien zahlreicher Fotobücher meiner großen oder auch weniger großen Vorbilder, fand ich vergleichbare Bildinhalte. Bereits in den Zwanzigerjahren des vorigen Jahrhunderts hatte Walker Evans dieses Motiv im Focus seiner Arbeit. Bemerkenswerte Bilder von Menschen auf der Straße, die ihm auffielen, gehörten zu seinen bevorzugten Bildmotiven. Im Auftrag der US-Regierung dokumentierte Evans Mitte der Dreißigerjahre die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, insbesondere die ländliche Armut im Süden und Mittleren Westen. Innerhalb dieser Arbeit entstanden unzählige ikonische Fotografien, die bis heute nachwirken.

Das menschliche Zusammenleben, die sozialen Strukturen und Institutionen und der Wandel der Gesellschaft sind die Themen der Soziologen. Seit Erfindung der Fotografie bietet das ein immer wieder visualisiertes Genre. Diesem Thema konnte ich mich als junger Fotograf gar nicht entziehen, weil ich angehalten war, ständig die Kamera im Anschlag zu halten. Mit zunehmender Erfahrung bekamen meine Fotografien für mich auch ihre dokumentarische Beschaffenheit. Jede Fotografie ist unmittelbar nach ihrer Erstellung Vergangenheit und Dokument des jeweiligen Augenblicks. Ihre formale Ästhetik und persönliche Aussage dürfen sein, treten aber vor dem Anspruch des Dokumentarischen in den Hintergrund. Bis heute will ich allerdings bei allen Ansprüchen an meine Arbeit die fotografische Ästhetik nie unberücksichtigt lassen. Ich wünsche und hoffe, dass alle Betrachtenden das auch nachvollziehen.

