MENSCHEN | IN GRUPPEN | IN DER FOTOGRAFIE

Das Museum Kunstpalast in Düsseldorf zeigt noch bis zum 25. Mai 2026 die Fotografie-Ausstellung COMMUNITY Fotografie und Gemeinschaft
Ausstellungsansicht: „Not me not you“ von Cihan Çakmak, 2024, © 2026 Karsten Enderlein

In den ersten Wochen meiner Ausbildung im Fotografenhandwerk im Jahre 1975 sollte ich ein unvergessliches einschneidendes Erlebnis erfahren: mein Chef, Ausbilder und späterer Mentor und Freund Karl Lang, schickte mich mit Hasselblad, Stativ und Braun-Blitz in die Aula des Clauberg-Gymnasiums in Duisburg-Marxloh. Dort hatten sich fünfzig Mitarbeiter, auch ehemalige, der August-Thyssen-Hütte zur Chorprobe versammelt – in vollem Ornat, weil mein Erscheinen mit Kamera angekündigt war. Ich sollte in der stockdunklen Halle ein Gruppenbild des Thyssenchors machen. Welch eine Herausforderung im vierten Ausbildungsmonat.

Mittelformat-Kamera aufs Stativ zwischen die Sitzreihen gequetscht, in der rechten Hand den Drahtauslöser, in der linken den Braun F 900 [aus dem Privaten Braun-Forum von Jens Gutzeit: Leitzahl: 70, mit Streuscheibe 40, Zusatzlampenstab FZK 900 hat Leitzahl 40 –Gewicht: ca 2,5 kg mit NC-Akku – Stromversorgung: mit Barix-Blei-Akku, mit Sonnenschein Blei-Gel-Akku, mit 7 NC-Zellen und mit Netzteil. Das Netzteil liefert direkt Hochspannung, die Akkus liefern nominell 8,5 V].

MEIN erstes Gruppenfoto, Der Thyssen-Chor in der Aula des Clauberg-Gymnasiums in Duisburg, 08.12.1975, © thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg

Den schweren Handblitz so hoch wie möglich in Richtung Bühne so gehalten, dass auf die vorderen Sitzreihen im Format des Motivs nicht allzu viel Licht kam – und dann die positionierten fünfzig Köpfe im Blick, mit dem hohen Anspruch, dass sich jeder auf dem Foto hinterher wiedererkennt: akut Schweißausbrüche und schlaflose Nacht bis zur Entwicklung des Rollfilms mit acht Belichtungen am folgenden Tag. Mehr Belichtungen waren nicht drin, weil die Herren vom Chor während des Shootings ungeduldig wurden.

MEIN Gesellenstück zum Thema „Familiengruppenfoto“, April 1978, © 2026 Karsten Enderlein

Ausbilder und Kunde waren zufrieden, so startete ich als Spezialist in eine vermeintliche Gruppenfoto-Fotograf-Karriere. Zu meiner Freude und nachhaltigen Zufriedenheit sollte ich im Laufe der weiteren vierzig Jahre im thyssenkrupp-Konzern zahlreiche andere Genre in der werblichen Industriefotografie bedienen können. Gruppenfotos haben mich aber auch im privaten Umfeld bis heute gefordert. Das war der Grund, mich mit Spannung auf die Fotografie-Ausstellung im KUNSTPALAST zu freuen. 270 Werke waren mir in der Einladung zur Vorbesichtigung versprochen.

Dr. Linda Conze bei der Ausstellungsvorbesichtigung vor MedienvertreterInnen, © 2026 Karsten Enderlein

Die Kuratorin Dr. Linda Conze hat mit ihrer Kollegin Miriam Homer neun Themengruppen in den großformatigen Sälen des Museum KUNSTPALAST so konzipiert, dass die Titel schon andeutungsweise vermuten lassen, welche Bildmotive erwartet werden können:

1. Das Gruppenbild als Ritual: „Das sind wir!“, 2. Bildgewordene Gemeinschaft ist veränderbar: „Wer gehört dazu?“, 3. Wenn Nähe Druck erzeugt: Zu eng. Gemeinschaft als Zumutung“, 4. Ein Dorf im Wandel:“ Gemeinschaft begleiten“, 5. Räume der Begegnung und ihr Verschwinden: „Gemeinschaft in Wartestellung“, 6. Wir-Gefühl und Vereinnahmung: „Eins werden“, 7. Sichtbarkeit, Kontrolle, Überwachung: „Eine*r unter vielen“, 8. Gegen die Leerstelle: Black Archive Germany“ und 9. Vernetzt wie nie: „How to get in Touch“.

Meine Patentante feierte ihren Achtzigsten und alle waren dabei, April 2004, © 2026 Karsten Enderlein

Die Familie, der Schwimmverein, das politische Kollektiv: Menschen schließen sich seit jeher zu Gemeinschaften zusammen. Doch Gemeinschaft ist per se nicht sichtbar, vielmehr beschreibt sie ein Gefühl, einen Wunsch und eine Behauptung. Gerade deshalb braucht sie Bilder, um verbindlich zu werden.

Fotografie hält Zugehörigkeit nicht nur fest, sie kann sie ebenso erzeugen, bekräftigen oder infrage stellen. Sie macht sichtbar, dass man Teil von etwas Größerem ist und dient zugleich der Abgrenzung: Wer schafft es in den Bildausschnitt, wer bleibt außen vor? Gerade deshalb braucht sie Bilder, um verbindlich zu werden.

Führungskräfte einer Unternehmensgruppe in der Tagungspause, 20.11.2013 © thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg

Die Ausstellung beleuchtet dieses spannungsreiche Verhältnis in neun thematischen Kapiteln. Angewandte und künstlerische Fotografie treten dabei bewusst in einen Dialog. Ausgehend von der Sammlung des Kunstpalastes und ergänzt durch wichtige Leihgaben zeigt die 270 Werke umfassende Schau erstmals, wie sich Formen des Zusammenlebens und Formen bildlicher Darstellung wechselseitig beeinflussen. Der Bogen spannt sich von Gruppenporträts des 19. Jahrhunderts bis zu digitalen Bildwelten der Gegenwart. Die Ausstellung, die vom 11. Februar bis 25. Mai 2026 im Kunstpalast zu sehen sein wird, beleuchtet das facettenreiche Verhältnis von Fotografie und Gemeinschaft in Geschichte und Gegenwart.

Kaum ein fotografisches Genre eignet sich besser, um Zugehörigkeit zu demonstrieren, als das Gruppenbild. Von der streng komponierten Studioaufnahme des 19. Jahrhunderts bis zum spontanen Group Selfie unterwegs stellen Menschen sich gemeinsam für die Kamera auf. Sie rücken zusammen, ordnen ihre Körper, finden eine Position im Bild. Das gemeinsame Posieren ist ein Ritual, das Verbundenheit ausdrückt. Besonders dann, wenn Fotografien ihren Weg in Alben finden, werden sie zum Anlass, Gemeinschaft zu erzählen, zu erinnern und lebendig zu halten. Historische und zeitgenössische Gruppenporträts belegen: Gemeinschaftliche Fotos spiegeln Beziehungsgefüge nicht nur, sie tragen auch dazu bei, sie zu formen.

Juliane Herrmann im WDR-Interview vor ihrer Videoproduktion aus dem Jahr 2024, © 2026 Karsten Enderlein

Das Gruppenfoto folgt jedoch meist ungeschriebenen Regeln. Wer steht in der Mitte, wer am Rand? Wer erscheint oben, wer unten, wer fehlt im Bild? Fotografien lassen sich bearbeiten, umdeuten und neu zusammensetzen. Gemeinschaft im Bild kann erweitert, aufgekündigt oder aus dem Nichts erzeugt werden. Wenn am Gruppenfoto „herumgebastelt“ wird, zeigt sich besonders klar, dass Gemeinschaft immer gleichzeitig Einschluss und Ausschluss bedeutet. Eingriffe können emotional, zweckmäßig oder politisch motiviert sein und sie reichen von kaum wahrnehmbar bis deutlich konfrontativ.

Gruppenfoto mit Selbstbeteiligung und Selbstauslöser (3. v.l.), Divrigi 13.10.1980, © thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg

Aus meiner Erfahrung als Fotograf, aber auch bestätigt durch zahlreiche der ausgestellten Motive im Museum, sehe ich ein Gruppenfoto als Inszenierung. Ob Auftragsarbeit oder freies Thema, der Autor/die Autorin zeichnet verantwortlich für die Konstellation der Gruppe, den Bildauschnitt, den Hintergrund, wer ist in der Mitte, wer im Vordergrund. Und so ist jedes Gruppenbild auch immer ein Indiz für den Anspruch des/der Fotografierenden.

Ausstellungsansicht mit Motiven aus Neal Slavins Serie „When Two or More Are Gathered Together“ 1972-1975, © 2026 Karsten Enderlein

Fotografie kann Menschen in der Menge verschmelzen lassen, sie kann aber auch Einzelne herauslösen und ihnen besondere Sichtbarkeit verleihen. Zoom, Markierungen oder Technologien der Gesichtserkennung lenken den Blick auf Individuen. Oft braucht es ein einzelnes Gesicht, damit sich Vorstellungen von Gemeinschaft verdichten. Indem Massen visuell aufgespalten werden, lassen sich soziale Strukturen untersuchen und vermeintliche Einigkeit hinterfragen. Zugleich kann diese Auswahl der Überwachung dienen und Anonymität aufheben.

Meine Beschützer? Im Irak, 14.05.1984, © thyssenkrupp Corporate Archives, Duisburg

Ich halte die heute weit verbreitete Angewohnheit der Selfie-Fotografie für die individuelle Fortführung der Gruppenfotografie, bei der die ProtagonistInnen ihren Anspruch formulieren, hier, da, dort oder dann dabei gewesen zu sein. Was früher durch Teilnahme auf dem Gruppenportrait bestätigt wurde, wird heute eben mit ihrem Selfie dokumentiert. Da bleibt die Frage nach der Archivierung von gemeinschaftlichen Bildmotiven für die Zukunft zunächst unbeantwortet, da die zeitgenössische Visualisierung dieses Genres zumeist in privaten Cloud-Speichern landet. Das Sammeln von fotografischen Gemeinschaftsmotiven sollte sich dann nicht nur auf Museen und Sammlungsinstitutionen beschränken. Als Fotograf kann ich bestenfalls auch dazu beitragen, dieses außergewöhnliche fotografische Genre für die Nachwelt zu erhalten.

Text von Karsten Enderlein und der Pressestelle des MUSEUM KUNSTPALAST.

Detailinformationen zu der Fotografie-Ausstellung im KUNSTPALAST finden Sie auf seiner Zuhause-Seite.

Alle Fotografien der Ausstellungsvorbesichtigung sind in den SCHUBLADEN meines Archivs zu finden.

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