
Der Rhein, an dem ich seit 1956 wohne, arbeite und lebe, war immer für mich ein Faszinosum. Die endlosen Wassermengen, die sekündlich den Strom hinabfließen, dazu das wahrnehmbare Rauschen, die wechselnden Wasserstände, die dem Rhein jedes Mal ein anderes Gesicht verleihen, die je nach Wetter und Jahres- und Tageszeit unterschiedlichen Farben des Wassers, das alles macht diesen Fluss und sein unmittelbares Umland für mich höchst anziehend. Mit zunehmendem Alter lernte ich obendrein, welche historische und wirtschaftliche Bedeutung diese Binnenwasserstraße als Grenze wie auch als Transportweg bis heute hat. Bedeutende Künstler der Malerei und der Literatur arbeiten sich seit Jahrhunderten ab an dieser äußerst beeindruckenden Wasserlandschaft.
Ich erinnere mich, wie wir Kinder Anfang der sechziger Jahre mit meinem Vater, wenn er sonntags frei hatte, bei Hochwasser an den Rhein gingen, um die Wasserwüste zu bestaunen. Meine Faszination für dieses Ereignis ist bis heute ungebrochen.

2014 startete ich meine Expedition mit der Kamera entlang des großen Flusses. Die Impressionen von landschaftlichen, kulturellen und industriellen Alltagsszenen der rheinischen Flusslandschaften von der Quelle bis zur Mündung versuchte ich dabei in Fotografien von linearer Ästhetik zu verwandeln. Geländer, Bojen, Masten, Krane oder Brückenpfeiler bilden ebenso wie Teile von Architektur und anderen ufernahen Bauwerken den vertikalen Inhalt der Bildmotive. Die immer in Bildmitte kreuzende Horizontale beschreibt dagegen das ewig fließende Wasser des Rheinstroms, auf das ich immer wieder den Blick freigebe.

Wenn mich einzelne Themen oder konkrete Fotomotive entdeckt haben, die ich dann umsetze, denke ich meistens sofort an eine wie auch immer geartete Präsentation dieser Werke. Fotografie ist für mich eine Sprache, in die ich meine visuellen Wahrnehmungen übersetzen möchte, und die ich mit anderen teilen möchte. Dabei ist grundsätzlich die Verständnisfrage der Betrachtenden entscheidend: Ist ein Motiv, so wie ich es arbeite, lesbar, so dass alle verstehen, was ich damit ausdrücken möchte?
Gerne würde ich Betrachtende meiner Werkgruppe RHEIN|LAND sensibilisieren für eine Diskrepanz zwischen der Jahrmillionen alten Natur und den heutigen Bedürfnissen des Menschen, den Fluss für seine Zwecke zu nutzen. Mit diesem Anspruch habe ich Fotografien gearbeitet, die eine etwas andere Sichtweise auf ein hinlänglich bekanntes Motiv beschreiben.
Der Arbeit an meiner laufenden Werkgruppe RHEIN|LAND für eine Präsentation vorausgegangen war meine Begegnung anlässlich einer Kunstausstellung im Wasserturm im Januar 2023 mit dem Kulturverantwortlichen der Stadtwerke Wesel GmbH, in deren Besitz das Baudenkmal Wasserturm Wesel ist, Uwe van de Sand. Schnell hatten wir uns angefreundet und einen möglichen Ausstellungstermin verabredet.
RHEIN|LAND – Portrait einer Wasserlandschaft – Ausstellung im Wasserturm Wesel – 31. August bis 29. September 2024
Neben den Öffnungszeiten am Wochenende, an denen ich anwesend bin, ist der Stadtwerke-Wasserturm werktags geöffnet: montags – donnerstags von 09.00-15.00 Uhr und freitags 09.00-12.00 Uhr.

In diesen Tagen erfahren BesucherInnen in meiner Bilderwerkstatt eine hohe Betriebsamkeit: ich bin in den finalen Vorbereitungsmaßnahmen meiner Fotoausstellung in Wesel. Nach etwa zehn Jahren fotografischer Arbeit entlang des Stroms, ein paar tausend Reisekilometer zwischen der Schweiz und der Nordsee, dem Feinrechnen hunderter ausgewählter Rohdateien und den Recherchen zu dem Thema vor und nach den Arbeitsreisen folgten Monate der Konzeption für eine mögliche Präsentation meiner Werkgruppe mit dem Namen RHEIN|LAND.
Nun gilt es, 48 ausgewählte Prints zu drucken, zu passepartourieren und zu rahmen, zehn Dateien für den Druck großformatiger Tafeln auf Hartschaumplatten und Alu-Dibond zu optimieren und mit dem Dienstleister für Digitaldruck zu koordinieren und für einen 44-seitigen Katalog Inhalte, Auswahlmotive und Sachtexte zu liefern. Alles in allem eine Menge Aufwand, der trotz aller Widrigkeiten mir ein Höchstmaß an Freude bereitet. Es gibt für mich als Fotograf nichts was schöner, spannender und befriedigender ist, als Bilder, die ursprünglich in meinem Kopf entstanden für eine interessierte Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Ein Übersetzungsprozess aus Ideen, Impulsen und Erfahrungen in die zweidimensionale Fotografie – mit dem Anspruch an Perfektion und auch nach allen Regeln der Kunst. Wie froh bin ich immer wieder, gerade in den aktuellen Zusammenhängen, mich völlig unbedarft und unvoreingenommen im Alter von 18 Jahren zu dieser wunderbaren Arbeit berufen zu fühlen.

Über das Weseler Wahrzeichen Wasserturm ein Text von der Website „WESEL Tourismus“: Der inmitten der Innenstadt im Jahr 1886 errichtete Wasserturm kann auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Die technische und architektonische Konstruktion wurde von Prof. Otto Intze, einem bekannten Wasserbau-Ingenieur ausgeführt. Durch Rohrleitungen war der 40 Meter hohe Turm, der als Wasserspeicher diente, mit dem Alten Wasserwerk an der Lippe verbunden. 1923 wurde anstelle eines ursprünglich geplanten zweiten Turms aus Kostengründen nur ein zweiter Behälter unterhalb des ursprünglichen Behälters eingebaut und war damit ein technisches Kuriosum.
Der Turm stand bis zum Inferno des 16. Februar 1945. 1947 wurden der untere, inzwischen wiederhergestellte Wasserbehälter und 1951 auch der obere Stützbodenbehälter wieder in Betrieb genommen. Als er 1979 außer Betrieb genommen wurde, hatte er – abgesehen von kriegsbedingten Unterbrechungen – 93 Jahre seine Aufgabe als wichtiges Glied in der Wasserversorgung Wesels erfüllt.
Seit 1987 ist der Wasserturm im Stadtzentrum technisches Denkmal und Bestandteil der Route Industriekultur. Unter dem Motto „Kunst im Turm“ werden seit 1991 wechselnde Ausstellungen durchgeführt. Ganz aktuell wird der Wasserturm als „Dritter Ort“ unter der Förderung für kulturelle Orte der Kultur und Begegnung im ländlichen Raum weiterentwickelt.



Weitere Informationen finden sich auf den jeweiligen Zuhause-Seiten des Kunstverein Kunst im Turm und meiner Werkgruppe. Alle Fotos der Werkgruppe RHEIN|LAND sind in den SCHUBLADEN meines Archivs hier zu finden. (Obacht: opening time: 8:00 am to 0:00 am CET)
Einen Katalog zum Ansehen und Downloaden findet man in meiner pdf-Büchersammlung.
Alle Fotografien auf dieser Seite: © 2024 Karsten Enderlein