VAN GOGHS STERNENNACHT ZUR NACHHALTIGEN INSPIRATION

Die Fondation Vincent van Gogh Arles zeigt erstmals La Nuit Étoilée am Entstehungsort in Arles in einem Cosmischen Rundgang zusammen mit Werken von 78 weiteren KünstlerInnen aus den Jahren 1861 bis 2024.

Van Goghs Sternennacht (Arles 1888), Leihgabe aus dem Pariser Musée d’Orsay, hinter Glas und gut bewacht, ganz rechts Gemälde von Kasimir Malewitch aus dem Jahr 1916

Die Sternennacht, die Vincent van Gogh im September 1888 nur wenige Meter von der Fondation Vincent van Gogh in Arles entfernt zeigt, ist das Ergebnis eines Wunsches, der ihn seit langem begleitete. Im Frühjahr zuvor schreibt er an seinem Freund Émile Bernard: „Ein Sternenhimmel zum Beispiel – das ist etwas, das ich gerne versuchen würde.“ An seine Schwester: „Ich möchte jetzt unbedingt einen Sternenhimmel malen. Oft habe ich den Eindruck, dass die Nacht noch farbenprächtiger ist als der Tag, in den intensivsten Violett-, Blau- und Grüntönen.“

Lange Zeit ist dieses Gemälde Ausdruck der Aufmerksamkeit, die Vincent der Nacht entgegenbringt, eine Neigung, die er entwickelt hatte, als er Gedichte las und die Werke der von ihm bewunderten Maler studierte.


Die Ausstellung in der Fondation Vincent van Gogh erforscht die visuelle Kultur der Zeit, in der die Sternennacht über der Rhône entstand und befasst sich mit der Nähe dieses Werks zu den Werken späterer Künstler. Der erste Teil widmet sich dem Sternenhimmel und der astronomischen Kultur der Künstler, während der zweite die metaphysischen oder spirituellen Hypothesen behandelt, die Van Gogh und andere in seiner Nachfolge beeinflussten.


Der Rundgang durch die Ausstellung lädt dazu ein, zu begreifen, was der niederländische Meister andeutete, als er seinem Bruder im Juli 1888 schrieb: „[…] – aber Du solltest wissen, dass ich mitten in einer komplizierten Berechnung stecke, die dazu führt, dass die Leinwände schnell nacheinander fertig sind, aber lange vorher berechnet wurden. Und wenn die Leute sagen, dass sie zu schnell fertig sind, kannst du ihnen antworten, dass sie sie zu schnell angeschaut haben.“

In insgesamt sieben Kabinetten des Museums inmitten der Arlenser Altstadt können wir 164 Werke von 78 internationalen Kunstschaffenden erfahren und die unterschiedlichsten Arten von Inspirationen durch das Bild van Goghs ergründen. Die Überschriften der einzelnen Sektionen machen neugierig und helfen bei Fragen nach möglicher Interpretation der ausgestellten Arbeiten: „Dunkelheit, Firmament, Kosmos, Astronomische Werkstatt, Lichter in der Stadt, Spiralen des Himmels, Heilige Sternwarten & Pfade der Seele.“

Die Arbeiten folgender Kunstschaffenden sind höchst ästhetisch in gelungener Museumsarchitektur ausgestellt: Juliette Agnel – Jean-Michel Alberola – Dove Allouche – Jean-Marie Appriou – Giacomo Balla – Anna-Eva Bergman – Lee Bontecou – Djabril Boukhenaïssi – Antoine Bourdelle – Charbel-joseph H. Boutros – Victor Brauner – Gillian Brett  – Frédéric Bruly Bouabré – Carlo Carrà – Frédéric-Auguste Cazals – Maurice Chabas – Jean Chacornac – Gaëlle Choisne – Mikalojus Konstantinas Čiurlionis – Lucien Clergue – Caroline Corbasson – Camille Corot – Tony Cragg – Gustave Doré – James Ensor – Félicie d’Estienne d’Orves – Hippolyte Fizeau – Camille Flammarion – Robert Fludd – Lucio Fontana – Léon Foucault – Helen Frankenthaler – Gloria Friedmann – Akseli Gallen-Kallela – Augusto Giacometti – Jean-Jacques Grandville – Wenzel Hablik – Thomas Houseago – Victor Hugo – Louise Janin  – Eugène Jansson – Vassily Kandinsky – Anish Kapoor – Anselm Kiefer – Paul Klee – Yves Klein – Ivan Klioune – František Kupka – Alicja Kwade – Bertrand Lavier – Kasimir Malevitch – Arturo Martini – Charles Marville – Paul Mignard – Jean-François Millet – Adolphe Monticelli – Mariko Mori – Edvard Munch – Georgia O’Keeffe – Meret Oppenheim – Lioubov Popova – Enrico Prampolini – Ferdinand Quénisset – Odilon Redon – Evariste Richer – Lord Rosse – Raymond Roussel – Warren De La Rue – Franck Scurti – Alexandre Séon – SMITH – Léon Spilliaert – August Strindberg – Bruno Taut – Daniel Tremblay – Étienne Léopold Trouvelot – George Frederic Watts
& Vincent van Gogh



Auch die Fotografie kommt in der sehr attraktiven Ausstellung nicht zu kurz. Zwei großartige Werke von Lucien Clergue sind zu entdecken, dem Arlenser, der mit seinem Freund Michel Tournier 1968 das jährlich in Arles stattfindende Fotografie-Festival Rencontres Internationales de la Photographie gründete, das sich mittlerweile zu einer der größten und einflussreichsten Veranstaltungen in Europa entwickelt hat. Assoziationen mit Andreas Gurskys Serie „Bangkok I bis IX“, die 2011 entstand, sind durchaus gerechtfertigt. Bei Clergue sehen wir Sonnenreflexe auf der Rhône (von 1962), die – durch eine mäßige Langzeitbelichtung abstrahiert – oszillieren, wie Physiker sagen würden.

Ausstellungsansicht mit Lucien Clergues „Soleil sur l’eau, Camargue“ von 1962, Foto: © 2024 Karsten Enderlein

Über Vincent van Gogh, im Zusammenhang mit seinem Werk „Sternennacht“: Er wird am 30. März 1853 in Groot- Zundert in den Niederlanden geboren. Im Alter von 16 Jahren war er bei der Kunsthandelsfirma Goupil & Cie in Den Haag angestellt und arbeitete später für deren Filialen in Brüssel, London und Paris. Da er kein Interesse am Kunsthandel hatte, wandte er sich der Religion zu und trat 1878-1879 als Laienprediger in Belgien auf.

Im August 1880 beschloss er, Künstler zu werden. Er verstand sich als Maler des Alltagslebens, insbesondere der Bauern und Bäuerinnen, und ließ sich unter anderem von Jean-François Millet und Adolphe Monticelli aus Marseille inspirieren. Landschaften und Stillleben bestimmen ebenfalls sein Werk. 1886 entdeckte er in Paris die Kunst des japanischen Drucks und traf sich mit den Künstlern der impressionistischen Bewegung. Van Gogh ist davon überzeugt, dass die Farbe der Schlüssel zur Modernität ist, und zieht im Februar 1888 in die Provence. In Arles kann er inmitten der strahlenden Natur und des hellen Lichts malen.

Aber er möchte auch die Nacht darstellen. Sechs Monate nach seiner Ankunft, im September 1888, schuf er mit La Nuit étoilée eines seiner Hauptwerke. Im darauffolgenden Monat zog Paul Gauguin zu ihm in sein „gelbes Haus“ und verwirklichte damit Van Goghs Traum, in Arles eine Künstlergemeinschaft zu gründen. Ende Dezember endete die Zusammenarbeit nach einem heftigen Streit, in dessen Folge sich Van Gogh selbst verstümmelte. Im Mai 1889 bat der enttäuschte und kranke niederländische Maler um ein Asyl in Saint-Rémy-de-Provence. Dort blieb er ein Jahr lang und setzte seine Suche nach einer ausdrucksstarken, auf Farbe und Pinselstrich basierenden Kunst fort, wobei er unter anderem eine zweite Version von „Sternennacht“ malte. In den 27 Monaten, die Van Gogh in der Provence verbrachte, schuf er über 500 Gemälde und Zeichnungen.

Im Mai 1890 reiste er nach Auvers-sur-Oise, wo er innerhalb von zwei Monaten die letzten 74 Bilder seines insgesamt über 2.000 Gemälde umfassenden Werks malte. Er starb am 29. Juli 1890 im Alter von 37 Jahren.


Auch vor den „Sonnenblumen“ (2016 und 2017/1018)) von Dove Allouche suchen Besucherinnen Inspiration am Firmament, Foto: © 2024 Karsten Enderlein

Alle Informationen zur Ausstellung findet man auf der Zuhause-Seite der Fondation. Der englischsprachige Katalog ist leider zur Zeit vergriffen. Das französischsprachige Exemplar kostet 30,00 Euro zzgl. Versand. Und an dieser Stelle noch ein wichtiger Hinweis für mögliche Provence- und Van-Gogh-Fans, die die weite Reise nach Südfrankreich nicht scheuen: Achtung: Van Goghs Gemälde „Sternennacht“ verlässt die Ausstellung am Abend des 25. August. Die Ausstellung wird bis zum 8. September fortgesetzt.

Die Mäzenin und Stifterin Maja Hoffmann (Mitte) eröffnet die Ausstellung vor großem Publikum, Foto: © 2024 Karsten Enderlein

Alle Fotografien der Ausstellungseröffnung in Arles am 31.05.2024 sehen Sie in den SCHUBLADEN meines Archivs hier.

Gerne verweise ich abschließend nicht ganz uneigennützig auch auf meine Werkgruppe aus den Jahren 1992 bis 2022 über das Leben und Wirken des niederländischen Malergenies unter https://k-enderlein-vangogh.com/

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